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Bildungsarbeit der Arbeitgeber

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Interessenpolitik

Die Gesellschaft hat, aufgrund ihrer Verfaßtheit, gegensätzliche Interessengruppen, die im politischen Feld mit ihren Positionen konkurrieren, also keineswegs eine harmonische "Gemeinschaft" bilden. Diese Gruppen stellen Überlegungen zum (Aus-)Bildungswesen an, u. a. zu Schule, Hochschule und sogar zu den Vertretungen von Studierenden.

Studierendenvertretungen gesteht die Politik in vielen Bundesländern nur ein Recht auf eingeschränkte Meinungsäußerung zu, welches auf partikulare Hochschulangelegenheiten eingeengt ist. Der Entzug des politischen Mandats für Studierendenvertretungen beschränkt juristisch ihre politischen Möglichkeiten. Er ist vergleichbar der bemerkenswerten Trennung von Politik und Wissenschaft im Wissenschaftsbetrieb.

Umgekehrt gibt es jedoch Vereinigungen, die solchen Restriktionen nicht unterliegen, die sich frei zu allerlei Dingen äußern dürfen, die eigentlich nicht in ihrem Verantwortungsbereich liegen. So machen sich z. B. die Verbände der "Arbeitgeber"(1) Gedanken über die Entwicklung im Bildungswesen. Im folgenden werden wir Ausschnitte aus einem Plädoyer des Jahres 1991 zitieren. Zwar liegt das Plädoyer über ein Jahrzehnt zurück, aber dadurch besitzt es zusätzlich zur gegenwärtigen Situation einen historischen Wert.

 

Gesellschaftspolitische Bildungsarbeit der Arbeitgeberverbände

Die Arbeitgeberverbände geben Informationsbroschüren heraus, in denen sie u. a. ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen darlegen. Den 6. Abschnitt ihres Plädoyers zur Gesellschaftspolitischen Bildungsarbeit widmen die Arbeitgeber zusätzlich zur "Führungskräfteweiterbildung sogenannten Zielgruppen. "Weitere Zielgruppen gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit" sind: Jugend, Schule, Hochschule, Kirche, Medien, Bundeswehr.

Es lässt einiges erwarten, wenn einflußreiche Verbände sich ihrer "Zielgruppen" annehmen. Was allerdings versprochen wird, ist genauer zu prüfen. Im folgenden zitieren wir die zentralen Abschnitte zu Schule und Hochschule - vor allem deshalb, weil "unsere" Arbeitgeber sich auch Überlegungen zur Entwicklung von Studentenparlamenten gemacht haben.

 

S c h u l e (Arbeitgeberverbände)

"Besondere Bedeutung kommt der Schule/Wirtschaft-Arbeit zu. Gerade in den Schulen, die heute von den Entscheidungs- und Verantwortungsträgern von morgen besucht werden, ist eine überzeugende Darstellung der Vorstellungen der unternehmerischen Wirtschaft wichtiger denn je zuvor. Wie in fast allen Bildungseinrichtungen ist häufig die Einstellung gegenüber der Wirtschaft eher negativ geprägt. Halbwissen über Wirtschaft und Technik begünstigt nicht selten diesen Trend.(2) ...

Erfolge der bisherigen Arbeit mit Schulen zeigen sich in zunehmender Aufgeschlossenheit, die die Schüler heutzutage der Wirtschaft entgegenbringen. Gleichwohl ist eine kritische Grundeinstellung nach wie vor vorhanden. Sie speist sich vorrangig aus Skepsis gegenüber Technik- und Umweltverhalten.(3) ...

Im Mittelpunkt der Arbeit Schule/Wirtschaft steht das Zugehen auf die Lehrerschaft. Als Meinungsbildner sind sie schon "von Amts wegen" wichtige Wegweiser in einer Entwicklungsphase der Jugend. Eine überzeugende Vermittlung der gerade für die Wirtschaft wichtigen Themen an die Lehrer führt dazu, daß diese auf die Einstellung und das Verhalten der Schüler zur Wirtschaft und zur Gesellschaft einwirken können.(4)

Dabei gehen die Arbeitgeberverbände als selbstverständlich davon aus, daß die Neutralität und Autonomie der Schulen stets zu respektieren ist. Grundsatz im Bereich der Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft muß sein, daß die Schule nicht zum Feld der Interessenpolitik mißbraucht werden darf. Daher ist eine Zielbestimmung der sozialökonomischen Bildung von einseitigen, interessengebundenen, gesellschaftspolitischen Vorstellungen auszuschließen."(5)

 

H o c h s c h u l e (Arbeitgeberverbände)

"Analoges gilt für die Arbeit Hochschule/Wirtschaft. Über die klassischen Kooperationsfelder der unternehmerischen Wirtschaft und ihrer Verbände mit den Hochschulen hinaus (z.B. Drittmittelforschung und berufsbezogene wissenschaftliche Weiterbildung) ist der Dialog mit den Studierenden und Hochschullehrern auf breiter Front zu suchen und zu intensivieren. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Meinungsbildner in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die zahlreich Hochschulfunktionen bekleiden, in Beiräten, Kuratorien u.a. mitwirken und damit in besonderer Weise öffentlichkeitswirksam auftreten. Ein von Vorurteilen freies Gesprächsklima zu erzeugen, ist der Schlüssel für fruchtbare Zusammenarbeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen.(6)

In Anlehnung an die Prinzipien der Schule/Wirtschaft-Arbeit sollten regionale Foren für einen ständigen Dialog zwischen Hochschule und Wirtschaft geschaffen werden. Dabei wären die schon bestehenden Kooperationsformen und -einrichtungen zu nutzen.

Darüber hinaus ist es unbedingt notwendig, die gesellschaftspolitische Arbeit mit Studierenden bzw. studentischen Vereinigung zu intensivieren. Die Wahlen zu Studentenparlamenten zeichnen sich seit Jahren durch eine hohe Nicht-Beteiligung der Studierenden aus.(7) Bei einer Wahlbeteiligung, die zwischen 20 und 30% der Wahlberechtigten schwankt, bekommen vor allem linke Gruppierungen seit Jahren Mandate und damit Verantwortung an den Hochschulen, die sie bei einer höheren Wahlbeteiligung wohl so nicht bekommen würden. Durch Kooperation mit einem kompetenten gesellschaftspolitischen Partner sollten deshalb die studentischen Gruppen/Vereinigungen informiert, motiviert und unterstützt werden, die den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft und des demokratischen Rechtsstaates aufgeschlossen gegenüberstehen."(9)

 

F a z i t (Arbeitgeberverbände)

"Die deutsch-deutsche Vereinigung bietet die Chance und Aufgabe für die Arbeitgeber, ihre Verbände und Bildungswerke, die Soziale Marktwirtschaft mit ihren ordnungspolitischen Grundsätzen und ihren Wirkungsmechanismen offensiv im Rahmen ihrer gesellschaftspolitischen Bildungsarbeit zu verdeutlichen.

Dabei geht es auch darum, die Werteordnung zu vermitteln, die über den ökonomischen Rahmen hinaus das Denken und Handeln der Menschen prägt, und die Funktion herauszustellen, die die Leistungsfähigkeit unseres sozialen marktwirtschaftlichen Systems bestimmen. Ziel dieser Bildungsarbeit ist, die Menschen davor zu bewahren, noch einmal das Experiment einer sozialistischen Staats und Gesellschaftsordnung eingehen zu wollen. ..."(10)

* * *

 

Q u e l l e

Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände:
Gesellschaftspolitische Bildungsarbeit der Arbeitgeber. Ein Plädoyer.
Köln 1991

 


 

Kritische Anmerkungen
( Studierende )

F u ß n o t e n

(1) Auf den zweiten Blick erstaunt die Bezeichnung "Arbeitgeber". Wer gibt und wer nimmt die Arbeit bzw. die Arbeitskraft? Wer gibt und wer nimmt den Lohn? - Die eine Vertragspartei gibt Arbeit und nimmt Lohn, die andere nimmt Arbeit und gibt Lohn.

(2) Wenn "Halbwissen" nur einen "Trend" begünstigt, warum ist ist die "Einstellung gegenüber der Wirtschaft eher negativ geprägt"? Was tut die Wirtschaft, das Anlass zu dieser Einstellung geben mag?

(3) Ist eine "kritische Grundeinstellung" etwa nicht ein gutes Zeichen einer demokratischen Gesellschaft? Wäre Kritik nicht hilfreich gewesen, manche gesellschaftliche Katastrophe frühzeitig zu verhindern? Wer bestimmt über die Anwendung von Technologie? Geschieht es in einem demokratischen Prozess?

(4) Warum wird nur das Bilden von Meinungen gefördert, anstatt umfassend über Sachverhalte und die Ursache für Interessenkonflikte aufzuklären? Bildung beinhaltet die Kenntnis eines Zusammenhanges. Warum sind nur Meinungen gefragt, deren BILDung auch am Kiosk zu erwerben ist?

(5) Das überrascht. Welchen Grund haben die Arbeitgeberverbände, daran zu zweifeln, dass ihnen "Neutralität und Autonmie der Schulen" nicht am Herzen liegen? Wenn Schule "nicht zum Feld der Interessenpolitik mißbraucht werden darf", ist eine "Vermittlung der gerade für die Wirtschaft wichtigen Themen an die Lehrer" zur weiteren Einwirkung auf die Schüler eine praktisch schwierige, wenn nicht mühsame Aufgabe. Wer käme in Frage oder hätte die Mittel zur Verfügung, die Schule "im Feld der Interessenpolitik" zu "mißbrauchen"?

(6) Warum adressieren die Verbände ihre Wünsche insbesondere an die "Meinungsbildner in den Geistes- und Sozialwissenschaften"? Was produzieren diese Wissenschaften für die Wirtschaft Nützliches außer "dem reinen Geist"? "Ein von Vorurteilen freies Gesprächsklima" wäre sicher dazu geeignet, über weitere Möglichkeiten der Basisdemokratie in Betrieben zu diskutieren. Gerade Studierende, die in den Betrieben für wenig Lohn viel leisten, erhalten nur selten Gelegenheiten, ihre Vorstellungen einzubringen. Würde es nicht unsere Gesellschaftsform wesentlich stabilisieren, wenn sehr viel mehr Menschen über die Zwecke mit entscheiden könnten?

(7) Fürsorglich ist, dass sich Arbeitgeberverbände die Zeit nehmen, sich mit Studentenparlamenten zu befassen. Auch wir Studierenden hätten gerne mehr Zeit und Mitt€l, auf den Hauptversammlungen uns über die demokratische Zusammensetzung von Aufsichtsräten und Vorständen produktiv einzubringen. Wir sind gesprächsoffen. Warum sollten die attraktiven Posten in Aufsichtsräten allein BerufspolitikerInnen vorbehalten sein?

(8) Weil schon bei der Fürsorge für Schulen galt, "eine Zielbestimmung der sozialökonomischen Bildung von einseitigen ... Vorstellungen auszuschließen", sind den Verbänden die Wahlergebnisse insbesondere für "linke Gruppierungen" unerwünscht. Warum gilt die Sorge nicht ebenso "rechten Gruppierungen"? Könnte es daran liegen, dass "linke Gruppierungen" Kritik an der Wirtschaft üben und die "Meinungsbildung" ablehnen?

(9) Information, Motivation und Unterstützung sind begrüßenswert. Warum bleibt das Ziel, worauf sie sich richten ("Soziale Marktwirtschaft", "demokratischer Rechtsstaat"), abstrakt und wird nicht auch qualitativ bestimmt? Und worin besteht die "Unterstützung"? Geschieht sie in moralischer, juristischer und/oder finanzieller Form? Wenn finanzielle Förderung stattfände, wäre genau das Realität, was sogenannte "linke Gruppierungen" kritisieren.

(10) Warum machen sich Partikularinteressen vertretende Wirtschaftsverbände Gedanken über Angelegenheiten, die im Hoheitsbereich des Staates liegen? Was bezwecken die Verbände: Meinungsbildung oder Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge und ihre historische Entstehung? Warum ist die "Leistungsfähigkeit unseres sozialen marktwirtschaftlichen Systems" für viele nicht erfahrbar? Und warum will ein partikularer Interessenverband "die Menschen ... bewahren", ein bestimmtes Experiment auszuprobieren?