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Elite-Universitäten

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Feudale Träume

Im Rahmen der Sorge um die Republik deutscher Nation, den "Standort Deutschland", forderten Politiker die Einführung sogenannter "Elite-Unis". Die Vertreter der Wirtschaft sorgen sich schon länger um die Elitenzucht, nun hatte sie auch die Parteienpolitik zu ihrer Angelegenheit gemacht. Der Kanzler, selbst Kind aus bescheidenem Hause, bekräftigte die Forderung nach Universitäten, an denen Eliten ausgebildet werden.

Die Medien nahmen sich des Themas an in Form von Diskussionen, Leitartikeln und Artikeln zum Niveau bundesdeutscher Hochschulen. Die Betrachtung der Hochschulen unterlag der jeweiligen Interessenlage, dem erhofften Nutzen.

Konkurrenz und Leistung

"Naturgemäß" bzw. gesellschaftlich bedingt wurden die Prinzipien Konkurrenz (viele kämpfen um wenige Plätze) und Leistung (Quantum Arbeit pro Zeiteinheit) kaum in Frage gestellt. Davon versprach man sich keinen Nutzen, da diese Prinzipien bereits "naturgesetzlich" gegeben scheinen.

Dabei hätte der Widersinn der Idee von "Elite-Universitäten", womöglich noch gefördert mit öffentlichen Mitteln, unmittelbar erkennbar sein können. Wenn manche Menschen angeblich über besondere Begabung oder Talent verfügen, dann müssten sie doch von sich aus fähig sein, sich deshalb mittels besonderer Leistungen gegenüber anderen in der (hoch-)schulischen Konkurrenz durchzusetzen. Der Zweck der Selektion wurde und wird über das Mittel Noten bereits erfüllt: Noten zeigen an, wer im relativen Verhältnis der KandidatInnen einer Altersstufe die größte Leistung erbracht hat.

Analyse

Wenn von "Elite-Universitäten" die Rede war, fehlt(e) die Analyse, was das derzeitige Schulsystem, rückständig-feudal gegliedert in drei Schultypen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium), leistet: Es selektiert die Heranwachsenden und reproduziert die Unterschiede, die in der sozialen Herkunft bereits bestehen. Nur 30% eines Altersjahrgangs absolvieren am Gymnasium das Abitur und erhalten eine Zugangsberechtigung zum Studium. Nur 18% eines Jahrgangs studieren an einer Hochschule. Diese 18% verfügen gegenüber den 82%, die nicht studieren, bereits hervorgehobene Berufsqualifikationen.

Für eine Elite sind die 18% eine noch zu große Gruppe. Gemäß Angaben der Bundesbank sind 0,9% der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland Millionäre. Diese ca. 756.000 Millionäre verfügen über 70% des deutschen Gesamtvermögens. Die ökonomische "Elite" verfügt über ausreichend Mittel, den Nachwuchs mit eigenen Mitteln an Privathochschulen elitär bilden zu lassen. Dazu bedarf es keiner öffentlichen Förderung in Form staatlicher Subventionen von "Elite-Universitäten".

Förderung bedürfte es stattdessen, um gemäß den Ergebnissen von PISA 2000 die "Unterschiede zwischen der mittleren Lesekompetenz von 15-Jährigen aus Familien des oberen und unteren Viertels der Sozialstruktur" zu beseitigen. PISA 2000 hat ergeben:
"Deutschland und die Schweiz gehören zu den Ländern mit den größten Unterschieden in der Lesekompetenz von Jugendlichen aus höheren und niedrigeren Sozialschichten. Die Differenz beträgt in Deutschland mehr als eineinhalb Kompetenzstufen oder 1,2 Standardabweichungen. Selbst die Vereinigten Staaten, die immer wieder als Beispiel für große soziale Disparitäten in den Bildungschancen angeführt werden, weisen zwar immer noch beträchtliche, aber signifikant niedrigere sozial bedingte Leistungsunterschiede auf. ... Während in Deutschland die Kopplung von sozialer Lage der Herkunftsfamilie und dem Kompetenzerwerb der nachwachsenden Generation ungewöhnlich straff ist, gelingt es in anderen Staaten ganz unterschiedlicher geographischer Lage und kultureller Tradition, trotz ähnlicher Sozialstruktur der Bevölkerung, die Auswirkungen der sozialen Herkunft zu begrenzen. Dies ist in der Regel auf eine erfolgreiche Förderung von Kindern und Jugendlichen aus sozial schwächeren Schichten zurückzuführen."

Quelle: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: PISA 2000. Zusammenfassung zentraler Befunde. Berlin 2001, S. 41

PISA 2000 - Zusammenfassung zentraler Befunde.pdf (0,9 MB)

Artikel Zur Privatisierung von Hochschulen (Update: Ab dem 28.01.06 hat die jW ihr Online-Angebot verändert und die Benutzung des Archivs kostenpflichtig gemacht. Viele Links sind daher leider nicht mehr frei zugänglich.):

 

Finanzspritze für Eliten - Zehn Hochschulen bekommen den nötigen Etat, um »Leuchttürme der Wissenschaft« zu werden. Bildungspolitiker von Bund und Ländern sagten ja zu »Exzellenzuniversitäten« (jW, 18.06.05)

Angetäuschtes Harvard - Die Wirtschaft braucht keine eigenen Unis mehr, wenn die staatlichen erst privatisiert sind. Auf dem letzten Loch pfeift die Managerschule im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude in Berlin (jW, 09.06.05)

 

Lösung

Anstatt über "Elite-Universitäten" sollte über eine angemessene Förderung und Entwicklung der bestehenden Hochschulen debattiert werden! Die vorgelegte kurze Analyse zeigt, dass ein Tabu fallen muss: Das Schweigen über die Verteilung von gesellschaftlich produziertem Reichtum in Deutschland! Der kleine Kreis der Millionäre, die ökonomische "Elite", verfügt über genügend Mittel, solidarisch seinen Beitrag zur Finanzierung der öffentlichen Hochschulen zu leisten.

Dass die Medien dieses Tabu nicht brechen, belegt, wie es um ihre vermeintliche "Unabhängigkeit" bestellt ist. Stattdessen wird thematisiert, wie man die Gesamtbevölkerung weiter belastet ("Einschnitte"), wie man Bildungsmöglichkeiten einschränkt ("Studiengebühren") und wie man exklusive Bereiche für die angeblichen "Leistungsträger" mit öffentlichen Mitteln subventioniert, d. h. bevorzugt fördert.

Kooperation

"In unseren Schulen wünscht man inzwischen, so höre ich ... Politiker sagen, Konkurrenz und Leistung. In Wirklichkeit basiert die Überlebensstrategie von uns Menschen auf einem hohen Maß an Kooperation. Wären wir Menschen nicht hoch kooperativ, hätten wir den Überlebenskampf der Arten im darwinistischen Sinne nie antreten und nie gewinnen können. Stattdessen von unseren Kindern zu erwarten, dass sie in permanentem Leistungsvergleich die Welt von Kain und Abel imitieren, bedeutet, die wesentlichen Voraussetzungen nicht nur der Humanität, sondern des Überlebenserfolgs unserer eigenen Spezies fundamental in Frage zu stellen. Wie es wünschenswert geredet werden könnte, dass Kinder ihre Ellenbogen gebrauchen und sogar ihren Geist dazu benutzen, den Banknachbarn aus dem Felde zu schlagen, ist mir unbegreifbar unter dem Aspekt humaner Erziehungsziele ganz genauso wie unter der Funktionalität unserer Gemeinschaft." (Eugen Drewermann)

Quelle: Forum Bildung: "PISA" und die Folgen. Deutsche Bildungspolitik in der Schräglage. Frankfurt/Main: Institut für Bildungsmedien 2002, S. 34

Ohne die Fähigkeit zur Kooperation wäre der Mensch als vereinzelter Einzelner tatsächlich unterlegen gewesen im Sinne eines "Mängelwesens" (A. Gehlen). Die Fähigkeit zur Kooperation hat hingegen eine gewaltige Arbeitsteilung erschaffen, welche die Gattung bis ins Weltall befördert hat - eine Leistung, die kein Tier, das dem "Mängelwesen" als Vergleich dient, jemals vollbracht hat.