Job-Praxis des AStA

Zur Job-Praxis des AStA

Der AStA der Universität Flensburg verfügt nahe seines Büros über ein Schwarzes Brett, an dem er Job-Angebote der Region aushängt, die ihm Flensburger Organisationen und Betriebe übermitteln. Als studentische Interessenvertretung hat der AStA entschieden, an seinem Brett bevorzugt solche Job-Angebote auszuhängen, die Studenten einen Stundenlohn von 8,00 Euro bieten. Dieser Lohn liegt knapp unter dem an der Hochschule tariflich üblichen Stundenlohn, der derzeit sogar ~8,37 Euro beträgt. Wenn der Charakter des Jobs, der Umfang der Tätigkeit dem AStA bekannt ist, wenn also Vertrauen zum Anbieter besteht, hat er bisher auch Ausnahmen von seiner Regel gemacht. 8,00 Euro pro Stunde sind aber ein bezahlbarer Lohnstandard, den der AStA guten Gewissens vermitteln kann (zum Vergleich: 1990 lag das Lohnniveau bei ca. 10-12 DM, also bei 5-6 Euro. Der seitdem gewachsene gesellschaftliche Reichtum schlägt sich aber vor allem in steigenden Lebenshaltungskosten nieder und kaum in Lohnsteigerungen.).

In der Vergangenheit funktionierte die Vermittlung, und betriebliche oder private Angebote fanden ihre studentische Nachfrage; einige Anbieter profilierten sich sogar mit 10-12 Euro Stundenlohn zu allseitiger Zufriedenheit. Der AStA sah daher keinen Grund, niedrigere Lohn-Gebote kostenlos auf seinem Info-Brett auszuhängen. Der AStA kann es als Interessenvertretung politisch nicht unterstützen, dass betriebliche Anbieter mit niedrigen Lohn-Geboten die finanzielle Not(!) von Studierenden ausnutzen. Unseriös wirkende Angebote werden z. B. nicht entfernt, sondern mit Warnhinweis versehen - zum Schutz von unerfahrenen Studierenden. Da der Aushang am Brett des AStA im Gegensatz zu Zeitungs-Anzeigen gratis(!) ist, ist die Bestimmung eines Lohn-Standards durchaus legitim.


"Lohnzensur"? - Die herrschende Moral steht Kopf

Ein moralisches Angebot

Die Event-Agentur "Help" (Inhaberin: Wiebke Stitz) hat StudentInnen für "eine große Veranstaltung in Sonwik" bzw. das Betriebsfest eines "großen Flensburger Unternehmens" gesucht; ihr betriebliches Angebot übermittelte eine Mitarbeitern der Agentur am 06.09. telefonisch an den AStA. Es lautete: "acht Studentinnen und Studenten, die von 15 bis 1 Uhr arbeiten und dafür 7,50 Euro pro Stunde erhalten sollten" (Zitate: Flensburger Tageblatt, 10.09.05). Die Mitarbeiterin des AStA lehnte das Angebot mit dem Hinweis auf die Geschäftspolitik des AStA ab und verwies auf den AStA-Vorstand.

Die Inhaberin der Agentur suchte nicht das Gespräch mit dem AStA, sondern wandte sich lieber an die Zeitung, ans Flensburger Tageblatt. Dabei ging es tatsächlich um einen vergleichsweise geringen "Streitwert". In Zahlen: Die Event-Agentur kalkulierte mit 8x10hx7,50=600 Euro an Personalkosten. Für die "große Firmenfeier" des "großen Flensburger Unternehmens" war die Agentur nicht bereit, auf die Konditionen des AStA einzugehen und 640 Euro (=8x10hx8,00 Euro) zu bieten. Die +40 Euro (+6,7% Lohn) wollte die Agentur für das Betriebsfest im wohlhabenden(!) Segelhafen von Sonwik lieber privatisieren als an Studierende zahlen.

Die Agentur wollte zwar am Geld sparen, nicht aber an ihrer Empörung über den AStA, der nicht zum von ihr gebotenen Preis studentische Arbeitskräfte "liefern" wollte. Anstatt die Geschäftsbedingungen des AStA zu akzeptieren, klagte die Agentur ihr "Leid" der Zeitung. Die nicht zustande gekommene Übereinkunft bzw. die Sparsamkeit der Event-Agentur wurde nun politisch. Das Flensburger Tageblatt, "unabhängige Tageszeitung" des sh:z , widmete der nicht zustande gekommenen Übereinkunft am 10.09.05 mehrere Artikel und zeigte dabei viel Verständnis für den enttäuschten Arbeit"geber" bzw. Arbeitskraftkäufer.

Unter der Rubrik "Stadt und Land" auf Titelseite 1 war zu lesen:

 

Flensburger Tageblatt
10.09.2005, Seite 1
(Autor: Joachim Pohl)

Schlechter Service*

Sicher, 7,50 Euro pro Stunde sind kein Spitzenlohn. Doch andere Studentenjobs werden noch deutlich schlechter bezahlt, und das Jobben bei einer Event-Agentur kann ja auch Spaß machen. Völlig unverständlich ist es deshalb, dass der Allgemeine Studentenausschuss (Asta) der Universität Flensburg nur Jobangebote am Schwarzen Brett aushängt, für die mindestens acht Euro gezahlt werden. Sind Studenten nicht erwachsene und mündige Bürger, die selbst entscheiden können, welches Angebot sie annehmen und welches nicht? Ist es nicht ein ziemlich schlechter Service, wenn attraktive Jobs den Studierenden einfach vorenthalten werden? Oder gibt es so viele handverlesene Zehn-Euro-Jobs in der Stadt mit 18 Prozent Arbeitslosigkeit, dass man sich den Luxus eines Mindestlohns leisten kann? Jobwillige Studierende sollten ihrem Asta mit Abwahl drohen.

K r i t i k des AStA

Welchen Eindruck erzeugt der Lokalredakeur: Er nimmt den angebotenen 7,50-Job in Schutz, indem er ihn in Relation zu "deutlich schlechter bezahlt[en]" aufwertet. Die Lektion: Nicht super, aber auch nicht sehr schlecht - also "gut"! Man lernt, dass das Jobben "auch Spaß" machen kann. Spaß ist aber eigentlich nicht der Grund, aus dem StudentInnen jobben. Den "Spaß" an der Arbeit verwendet der Redakteur quasi als Lohnersatz. Deshalb erscheint es ihm, der ja aus Spaß arbeiten mag, "völlig unverständlich", dass der AStA den Spaß an der Arbeit nicht "auch" als Lohn akzeptiert. Er lobt die Studenten als "erwachsene und mündige Bürger", um damit den vom AStA vertretenen Lohn-Standard als deren Bevormundung darstellen zu können; dem AStA gesteht er eine mündige Entscheidung über sein Schwarzes Brett dagegen nicht zu. Er beleidigt die Intelligenz von StudentInnen, indem er vom Einzelfall(!) verallgemeinert, dass "attraktive Jobs" (welche?) vom AStA "einfach vorenthalten werden"; die ablehnende Haltung des AStA gegenüber niedrigen Löhnen ist für den Redakteur schlicht "schlechter Service" (für den Käufer oder den Verkäufer von Arbeitskraft?).

Damit nicht genug: Obwohl der AStA nur "mindestens acht Euro" fordert, phantasiert der Redakteur sogleich "handverlesene Zehn-Euro-Jobs"! Warum erwähnt er nicht auch die Höhe des Lohns für studentische Hilfskräfte an der Uni: ~8,37 Euro pro Stunde? Die ökonomische Situation in Flensburg, "18 Prozent Arbeitslosigkeit" (was hat sie verursacht, wer profitiert?), soll den "Mindestlohn" als "Luxus" diskreditieren. Die herrschende Moral: Man soll sich anspruchslos mit dem (besser: allem) begnügen, was noch geboten wird? (Wenn der Markt den Preis bestimmt, dann soll dieser akzeptiert werden, gleichgültig welche Form des Lebens der Marktpreis gestattet.)
Der Mindestlohn gilt dieser Moral daher als "Luxus", nicht aber die "große Veranstaltung in Sonwik", an der das "große Flensburger Unternehmen" gewiß nicht spart! Sparen will dagegen - an 40 Euro! - die Event-Agentur, deren Moral dem Redakteur einleuchtet. Was als Kritik am "fehlenden Service" des AStA daherkommt, gipfelt in der politischen Empfehlung: dem "Asta mit Abwahl drohen" (ein Mut, der gegenüber größeren politischen Kalibern fehlt). Für die tendenziöse Darstellung sollten die Eigentümer des Flensburger Tageblatts Herrn Pohl vielleicht mit Entlassung drohen - es sei denn, es ist ihre politische Sicht, die sich in den "Nachrichten" widerspiegelt.

Auch in den beiden anderen Artikeln kann Herr Pohl auf die derzeit herrschende Moral der Bescheidenheit der Arbeitskraftverkäufer nicht verzichten.

Flensburger Tageblatt
10.09.2005, Seite 1
(Autor: Joachim Pohl) Job-Boykott: Unter acht Euro läuft nichts

Unter acht Euro pro Stunden kommt kein Job ans Schwarze Brett: Mit einer Art Lohnzensur verhindert der Allgemeine Studentenausschuss (Asta) der Universität Flensburg, dass die Studierenden über alle Jobangebote Flensburger Unternehmen informiert werden. Eine Eventagentur suchte Hilfskräfte für die Ausrichtung einer großen Firmenfeier. Gezahlt werden sollte 7,50 Euro pro Stunde - durchaus im üblichen Lohnbereich für die nicht besonders zahlreichen Studentenjobs in der Fördestadt. Mit dieser rigiden Haltung will der Asta, Organ der studentischen Selbstverwaltung, die sozialen Interessen seiner Studierenden wahren: Je höher der Lohn, desto kürzer die Zeit, die wegen des Jobbens von den wertvollen Studierstunden abgehen. Wenig Verständnis für die Job-Zensur zeigen der Rektor der Universität Heiner Dunckel, die Inhaberin der betroffenen Agentur und ihre Mitarbeiterin - eine Studentin der Universität.

 

K r i t i k des AStA

Mit den Worten "Lohnzensur" und "Job-Zensur" unterstellt das Tageblatt implizit, der AStA hätte eine Pflicht, "über alle Jobangebote Flensburger Unternehmen" an seinem Schwarzen Brett zu informieren. Der AStA hat tatsächlich das Recht zu entscheiden, welche Angebote er für "attraktive Jobs" hält und welche nicht! Das ist legitime Interessenvertretung, die sich in legalen Geschäftsbedingungen ausdrückt und mit "Zensur" daher gar nichts zu tun hat. Übrigens nimmt sich auch das Tageblatt tagtäglich die Freiheit (oder Frechheit?), nur ausgewählte Leserbriefe zu veröffentlichen und zu kürzen (warum eigentlich?)! Erfüllt dies nach der "Logik" des Flensburger Tageblattes nicht vielleicht die Tatbestände "Leserbrief-Zensur" oder "Meinungs-Boykott"? Jedes Unternehmen bestimmt hierzulande ganz selbstverständlich, was auf seinem Hof geschieht und was nicht, ob dort z. B. demonstriert werden darf oder nicht. Tadelt das Tageblatt diese Geschäftspolitik etwa als "Meinungszensur"?

Jeder Anbieter hat vielmehr die finanziell ungleich ausgestattete Möglichkeit, in Zeitungen, im Radio, im Internet etc. auf sich aufmerksam zu machen. Dies kennt man hierzulande als Werbung, und es kostet die Anbieter Geld. Wenn Anbieter dagegen kostenfrei(!) das AStA-Brett nutzen wollen, möchten sie bitte die gar nicht so weltfremden Geschäftsbedingungen des AStA beachten. Nicht der Umstand, dass die Inhaberin einer Event-Agentur selbst bei einer "großen Firmenfeier" an 40 Euro knausert, sondern das Überschreiten des "üblichen Lohnbereich[s]" durch den AStA geißelt der Redakteur als "rigide Haltung".

Die "Lohnzensur" beschäftigte die Redaktion aber nicht nur auf Seite 1 des überregionalen Hauptteils, sondern auch noch auf der Titelseite der Flensburger Nachrichten. So sehr scheint das öffentliche Interesse tangiert ...

 

Flensburger Tageblatt
10.09.2005, Seite 9
(Autor: Joachim Pohl) Uni-Asta zensiert Job-Angebote

Flensburger Unternehmen, die Arbeitsangebote für Studenten haben, dürfen diese nicht am Schwarzen Brett des Allgemeinen Studenten-Ausschuss' (Asta) aushängen, wenn der Stundenlohn nicht mindestens acht Euro beträgt.

Die Mitarbeiterin der Event-Agentur traute ihren Ohren nicht. Für eine große Veranstaltung in Sonwik suchte sie acht Studentinnen und Studenten, die von 15 bis 1 Uhr arbeiten und dafür 7,50 Euro pro Stunde erhalten sollten. Die Antwort der Asta-Mitarbeiterin: Dieses Jobangebot werde am Schwarzen Brett des Asta nicht ausgehängt, weil der Stundenlohn unter acht Euro liege.

Die Inhaberin der Agentur "Help", Wiebke Stitz, hat für das rigide Verhalten der studentischen Selbstverwalter kein Verständnis: "Jede Studentin und jeder Student kann doch selbst entscheiden, ob er ein Jobangebot annehmen will oder nicht. Als Studentin der Uni würde ich es nicht akzeptabel finden, wenn man mir die Information vorenthält." Der Stundenlohn von 7,50 Euro liege durchaus im üblichen Bereich in Flensburg, sagt sie und ergänzt, dass es sich bei dem Job um "angenehme Arbeit" handele. Ihre Agentur richte für ein großes Flensburger Unternehmen ein Betriebsfest aus; die Studenten betreuen dabei die einzelnen Stationen eines groß angelegten Strategiespiels. Zudem bestehe die Möglichkeit einer längerfristigen Bindung mit weiteren Jobs in Zukunft.

Überrascht zeigte sich Uni-Rektor Heiner Dunckel vom Verhalten des Asta in dieser Frage. Er halte es nicht für angebracht, einen Mindestlohn zu fordern.

Der Asta der Universität verweist hingegen auf die sozialen Belange der Studierenden: "Viele Studenten müssen arbeiten, um sich ihr Studium zu finanzieren", so Christian Dewanger, Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Es sei wichtig, den Zeitaufwand für das Jobben gering zu halten, damit das Studium möglichst wenig darunter leide. Je höher der Stundenlohn, desto geringer der Zeitaufwand. Die Grenze von acht Euro wurde gewählt, weil dies der Satz für studentische Hilfskräfte sei. "Eine ganze Reihe von Unternehmen sind unserer Ansicht", so Dewanger, "und hat ihren Stundenlohn auf das von uns geforderte Niveau angehoben, um ihr Jobangebot am Brett des Asta platzieren zu können."

Die Asta-Kollegen der benachbarten Fachhochschule sind weniger streng. Hier werden auch schon mal Kellnerjobs für fünf Euro pro Stunde ausgehängt. Die Agentur "Help" wich auf die Jobvermittlung der Arbeitsagentur aus und wurde dort fündig.

 

K r i t i k  des AStA

Die Überschrift suggeriert, dass die Nachfrage nach Job-Angeboten, gestellt von Flensburger Unternehmen, empfindlich beeinträchtigt wäre, nur weil der AStA auf seinem Schwarzen Brett Bedingungen stellt. Dabei wurde die Event-Agentur "Help", der ein Aufpreis von 40 Euro zuviel war, doch letztlich bei der Arbeitsagentur "fündig", musste also gar keine Not leiden. Das 600-Euro-Angebot fand am Markt eine 600-Euro-Nachfrage und im Tageblatt den journalistischen Erfüllungsgehilfen, sich über das "rigide" 640-Euro-Angebot des AStA zu empören. Ein "Job-Boykott" existiert allein in der journalistischen Phantasie. Was im Wirtschaftsleben täglich geschieht - ein Angebot(!) wird abgelehnt -, ist dem Tageblatt insgesamt drei(!) großflächige Artikel wert, weil dies so gar nicht zur herrschenden Moral paßt, die anordnet: Arbeiten zu allen Bedingungen, zu jedem Lohn, keine Forderungen stellen, sondern dankbar sein, dass es Arbeit bzw. Geld gibt. Diese unverschämte Moral gebärt das Erstaunen: "Die Mitarbeiterin der Event-Agentur traute ihren Ohren nicht", als der AStA für die Ware Arbeitskraft einen höheren Lohn forderte - als ob nur eine simple Lohnforderung schon eine Frechheit wäre! Wann hat es im angeblich existierenden "Gewerkschaftsstaat" (Der Spiegel) zuletzt eine derartige Lohnforderung gegeben? Im letzten Jahrhundert! "Unmöglich" also ...

Die Inhaberin der Event-Agentur "Help" gesteht paradoxerweise einzelnen Studierenden zu, Jobangebote anzunehmen oder nicht. Dem AStA als deren Vertretung spricht sie das gleiche Recht dagegen ab; ebenso der "neutrale" Herr Pohl. Sie empört sich über die Geschäftsbedingungen einer anderen Institution (AStA), und findet im Tageblatt eine verständnisvolle Plattform: Wohlklingende Versprechen wie "angenehme Arbeit" (Stitz) oder "attraktive Jobs" mit "auch Spaß" (Pohl) sollen Frau Stitz (und anderen Käufern) die 40 Euro sparen. Wenn der Event-Agentur wirklich an einer "längerfristigen Bindung" gelegen wäre, wenn ihr das Wohl der Studierenden so sehr am Herzen liegt, kann sie den Kontakt zum AStA suchen und Vertrauen in ihre Seriösität aufbauen. Knauserei und die Jammerei gegenüber der Zeitung sind für Geschäftsbeziehungen kontraproduktiv.

Ginge es nach Herrn Pohl, so sollten "jobwillige Studierende" ihr eigenes Lohninteresse untergraben und sich gegen die "jobunwilligen", so der Umkehrschluss, wenden. Diese Aufforderung an "jobwillige Studierende", "ihrem Asta mit Abwahl [zu] drohen", soll ein gemeinsames studentisches Interesse, mehr Lohn zu erhalten, spalten. Sie ist der "unabhängige" Versuch, einen Keil zwischen lohnabhängige Studierende und ihre auch wirtschaftliche Interessenvertretung zu treiben, die gegen die ihren Ohren nicht trauende, herrschende Moral vom freien Spiel der Marktkräfte einen Lohn-Standard für Studierende fordert (vgl. dazu die Bundesweite Tarifvertragsinitiative der Studentischen Beschäftigten - Tarifini!).

Durchsichtig ist letztlich die Überschrift dieser "Berichterstattung", die ("unter acht Euro läuft nichts") eine Forderung als "völlig unverständlich" (Pohl) diskreditieren soll, um die Empörung anderer, sozial-benachteiligter Schichten mit geringem Lohnniveau oder des ökonomisch bedrängten Mittelstands zu schüren (als ob es wirklich so schwer verständlich wäre, wenn Menschen gerne mehr Lohn hätten, um besser leben zu können!). Der AStA hofft, dass dieser Versuch dem Flensburger Tageblatt mißlingt! Die Kündigung des langjährigen Tageblatt-Abonnements wird derweil debattiert.

"überrascht"?!

Bemerkenswert ist noch, dass der Rektor der Universität Flensburg sich "überrascht" gibt. Die von ihm gewünschte und von (s)einer Professorenmehrheit befürwortete Einführung des "Bachelor in Vermittlungwissenschaften" ab dem Wintersemester 2005/2006 zwängt die Studierenden in ein betrieblich effizientes Korsett von Stundenplänen und Prüfungsfristen, das die von der Wirtschaft für Jobs geforderte "Flexibilität" und damit die ohnehin schwierige Studienfinanzierung weiter beeinträchtigt; Kreditinstitute stehen schon bereit, aus der finanziellen Not von Studierenden ein Geschäft zu machen.

Dass diese Zwangslage den Rektor "überrascht", ist überraschend. Der Lohn für studentische Hilfskräfte an seiner Hochschule beträgt ~8,37 Euro pro Stunde. Das ist ganz unüberraschend deutlich weniger als ein steuerfinanziertes Professoren-Gehalt, das ihm zzgl. zur Rektor-Zulage quasi einen "Mindestlohn" beschert, den er bei Studierenden allerdings "nicht für angebracht" hält. Auch Studierende hatten ihn erst im Februar 2005 im Amt bestätigt. "Angenehme Arbeit", die "auch Spaß" macht sind übrigens die Kriterien, die den Versorgungsgrad des Berufes Professor noch verschönern, ohne dass nicht auch ehrenamtliche, unbezahlte Arbeit (Studierender) geschätzt würde.

 

Abstract

Ein Arbeitskraftkäufer will ausgerechnet bei einer Interessenvertretung günstig an Arbeitskraftverkäufer gelangen. Sein Angebot scheitert an einer vergleichsweise geringen Summe und wird nicht, wie sonst üblich, nachverhandelt, sondern er wendet sich empört an die Zeitung. Die Zeitung gibt dem Arbeitskraftkäufer nicht etwa einen Korb, weil dieser ja "nur" ein partikulares, geschäftliches Interesse verfolgt, sondern sie macht das Interesse zu ihrem eigenen und scheinbar allgemeinen. Sie fordert, was auch dem Arbeitszeitkraftkäufer schwer nützen würde: Einen anderen AStA, der bedingungslos unter Aufgabe einer organisierten(!) studentischen Forderung einen willigen Helfer bei der Beschaffung von "jobwilligen" Arbeitskraftverkäufern abgibt - kostenlos, versteht sich. Und weil der Zeitgeist gerade keine hohen Lohnforderungen kennt, wähnt sich der Arbeitskraftkäufer im Recht. Hätte er nur den AStA ernst genommen, ihn als Geschäftspartner begriffen, dann hätte er sich die Empörung und die sie denunzierende Kritik sparen können.

 

Qualität

Der AStA freut sich auch weiterhin über die Zusammenarbeit mit Organisationen und Betrieben, die erkannt haben, dass man gute Leistungen nur über gute Angebote erhält. Wir wünschen ihrer qualitätsorientierten Geschäftspolitik viel Erfolg!

 

Fußnote


Was ist "Service"?

*) "Service" stammt von "servire", lateinisch, Verb für "dienen".

"servio [1. Person Indikativ Präsens Aktiv von servire] ...
1. Sklave sein, dienen (... in völliger Knechtschaft leben).
2. ... geknechtet od. untertan sein ... belastet sein ... zu etw. dienen, taugen ... gefällig sein, willfahren ... sich fügen, gehorchen, sich nach etw. richten ... e-r Sache frönen, sich hingeben od. widmen."
"servus ...
1. adj. dienstbar, sklavisch, knechtisch ...
2. subst. Sklave, Knecht in rechtlicher u. pol. Hinsicht."

Quelle:
Langenscheidt (Hrsg.): Großes Schulwörterbuch Lateinisch-Deutsch. Erw. Ausgabe 1983. Berlin und München: Langenscheidt 1987, S. 1096.

Logische Schlußfolgerung: Wenn "schlechter Service" (Pohl) ein Mangel des AStA sein soll, dann ist er wortwörtlich ein "schlechter Diener/Sklave" - für welche Zwecke eigentlich? Das wäre das genaue Gegenteil seiner gesetzlichen Aufgabe als Interessenvertretung!

 

Reaktionen - Leserbriefe -


Flensburger Tageblatt
12.09.2005, Seite 18
(Autorin: Ingrid Redlefsen)
- Leserbrief - Asta realitätsfern
Leserbrief zu "Uni-Asta zensiert Job-Angebote", im Tageblatt 10.09.05.

Merkt der Asta überhaupt noch etwas? In der heutigen Zeit 7,50 Euro für einen Studentenjob zu bekommen, ist ein tolles Angebot. Meine Töchter, 18 Jahre und Schülerin, sowie 20 Jahre und Studentin, jobben beide in der Gastronomie. In Flensburg bekommt die eine 6,14 Euro, die andere in Hamburg 6,50 Euro pro Stunde - beide sind zufrieden. Mir scheint, dass die Bafög-Leistungen auf den Prüfstand gehören, wenn Studenten bei den Jobs derart wählerisch sein können.

K r i t i k des AStA

Die Autorin hält den AStA für "realitätsfern", weil er einen höheren Lohn fordert, als ihn ihre Töchter verdienen. Die subjektive Zufriedenheit der zwei Töchter soll als objektiver Maßstab für 4.000 Studierende dienen. Weil ihre Töchter mit dem niedrigen Lohn "zufrieden" und besser bezahlte Jobs nicht zu finden seien (woher die Gewißheit?), könne man nicht "derart wählerisch" sein, sondern muss(?) das Angebot bedingungslos annehmen. Es folgt eine Unterstellung: Wer noch die Wahl habe, ein Job-Angebot abzulehnen, dem gehe es zu gut, so "dass die BAföG-Leistungen auf den Prüfstand gehören", d. h. gekürzt gehören.

Es offenbart sich die herrschende Moral: Wer es wagt(!), ein Arbeitsangebot abzulehnen, der hat soziale Unterstützung verwirkt. Die Moral geißelt nur die Verweigerung des Arbeitsangebots, nicht aber den mittels Controlling kalkulierten Ausschluss der Arbeitsnachfrage von der Arbeit zwecks betrieblicher Gewinnmaximierung. Weil scheinbar selig ist, wer für sein Geld andere arbeiten lässt, gegenüber dem, der für geringes Geld arbeiten muss, ist die Moral parteiisch. Die Töchter müssen mit dem Lohnniveau von 1990 das gestiegene Preisniveau von 2005 bezahlen. Den allgemeinen Anstieg der Lebenshaltungskosten um zweistellige Prozentraten, dürfte auch die Autorin bemerkt haben. Ob allein der Lohn den Töchtern zum Leben reicht oder ob sie finanzieller Unterstützung bedürfen, damit sie "zufrieden" sein können, bleibt dem Leser verborgen.

Indem die Autorin die Phänomene der letzten 15 Jahre - Lohnstagnation, Preissteigerung und Gewinnwachstum höherer Gehälter - nicht bilanziert, zeigt sie, dass sie "realitätsfern" sein muss. Ihre Moral versagt ihr die einfachsten Schlussfolgerungen. Warum "in der heutigen Zeit" die Löhne derart niedrig sind, ist für sie keine zu stellende Frage. Die Affirmation und Rechtfertigung eines gesellschaftlichen Zustandes als "Realität" hat noch nie zu seiner Veränderung beigetragen, wie auch nicht das Anbeten von Technologie, sondern erst ihre Kritik (= sachliche Analyse) zu ihrer fortlaufenden Entwicklung führt!

Wäre die herrschende Moral eine andere, würde sich die Mutter wahrscheinlich schämen, dass sie zulässt, dass ihre Töchter im Jahr 2005 zum Lohnniveau von 1990 "anschaffen". Dass zwei Menschen den Maßstab für Zufriedenheit für 4.000 andere Menschen setzen sollen, ist eine induktive Logik, die unzulässig vom Einzelfall verallgemeinert. Was ist, wenn der Maßstab nicht für alle zutrifft, wenn z. B. andere Menschen Medikamente benötigen und daher auf höhere Verdienste angewiesen sind? Wer die eigene Lebensfähigkeit zum allgemeinen Maßstab erhebt und die eigene Ducke von anderen verlangt, beantwortet unbeabsichtigt auch die Frage, wer "überhaupt noch etwas [merkt]".

 

Flensburger Tageblatt
13.09.2005, Seite 2
(Autor: Rasmus Ph. Helt, Hamburg)
- Leserbrief - Studenten handeln ökonomisch richtig
Leserbrief zu "Job-Boykott: Unter 8 Euro läuft nichts" (Ausgabe 10.09.05).

Die Studenten handeln nicht nur solidarisch, sondern auch ökonomisch richtig. Ein Job muss fair entlohnt werden. Anderenfalls ist er zur Bestreitung des eigenen Lebensunterhaltes so überflüssig wie ein Kropf. Im benachbarten Dänemark käme übrigens niemand auf die Idee, die Lohnspirale nach unten zu drehen. Dort weiß man den Wert von Arbeit offenbar noch besser zu schätzen!

K r i t i k des AStA

Der Autor macht den Studierenden ein Kompliment, dass sie "ökonomisch richtig" handelten, was andeutet, dass er das Prinzip des Marktes, auf dem Preise zwischen Käufern und Verkäufern verhandelt werden, begriffen hat. Ein Lohn, der das Leben nicht sichert, ist tatsächlich "überflüssig". Das bedeutet, dass nicht der Job selbst der Zweck, sondern nur das Mittel ist, um an Geld zu kommen. Geld ist hierzulande wiederum das Mittel für den Zweck, den Lebensunterhalt zu sichern. Das Kriterium "fair" ist zu abstrakt für eine genauere Bestimmung des Lohnniveaus.

Er verweist auf eine Moral im Nachbarstaat Dänemark, die eine andere ist. Die im Verhältnis zu Deutschland kleine Nationalökonomie kann es sich scheinbar nicht leisten, "die Lohnspirale nach unten zu drehen" und dadurch eine Verweigerung ihrer Lohnabhängigen zu riskieren, die die nationale Ökonomie schwächen würde. Um Streiks in Dänemark zu vermeiden und Identifikation zu erzielen, lautet die dänische Moral, "den Wert von Arbeit ... besser zu schätzen".

 

Flensburger Tageblatt
20.09.2005, Seite 14
(Autor: GEW-Studigruppe)
- Leserbrief - [Kürzungen durch das Flensburger Tageblatt in Klammern]

Der Uni-AStA "zensiert" Jobangebote
Leserbrief zu den Artikeln im Flensburger Tageblatt vom 10.09.05.

Das Flensburger Tageblatt zeigt sich von seiner arbeitgeberfreundlichen Seite und macht mobil gegen den AStA. Die Forderung: kostenloser und bedingungsloser Service[!]
Eine Eventagentur wollte die Bedingungen des AStA nach 8,00 EUR Stundenlohn nicht akzeptieren. Statt sich nun die Mühe zu machen, das Angebot selbst in der Uni auszuhängen, wird öffentlich gemäkelt. Dabei steht es jedem Anbieter von Arbeit frei, sich selbst Studierende für seine Jobs zu suchen und andere Aushangflächen zu nutzen, die in Uni und Mensa ausreichend und bedingungslos vorhanden sind. [Vielleicht hätte dies aber mehr gekostet, als die insgesamt 40,00 €, die der AStA für die Studierenden mehr forderte (8 MitarbeiterInnen á 10 Stunden, 50 Cent mehr)?] Und natürlich steht es auch allen Studierenden frei, in ein lokales Anzeigenblatt zu schauen und sich Niedrig-Lohn-Jobs zu suchen.
Die Notwendigkeit eines zügigen Studienverlaufs wird von Wirtschaftsvertretern und Studiengebührenbefürwortern beständig gefordert. [Knapp zwei Drittel der Studierenden in Schleswig-Holstein müssen zur Finanzierung ihres Studiums arbeiten (17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks).] Der AStA ist als Gremium der Studierendenschaft verpflichtet, ständig an der Verbesserung der allgemeinen Studienbedingungen zu arbeiten [(für solche Aufgaben ist er schließlich gewählt worden!)] und fördert daher Anbieter von angemessen bezahlter Arbeit mit kostenlosen Aushängen an den AStA-eigenen Brettern. Und das ist auch gut so! Die GEW Studierendengruppe befürwortet das Handeln des AStA, [es wäre schön, wenn sich alle mit dem Wert von Arbeit so verantwortungsvoll auseinandersetzen würden.]

 

K r i t i k des AStA

Die Autorin teilt die vom Tageblatt dargestellten Zustände ("schlechter Service", "Job-Boykott", "Lohnzensur") nicht, weil sie die Bedingungen auf dem Campus kennt - im Gegensatz zur Event-Agentur. Sie verweist auf den gesellschaftlichen Widerspruch, dass die Wirtschaft einen "zügigen Studienverlauf" (warum eigentlich?) fordert und gleichzeitig das Studium beeinträchtigt, indem sie am Mittel spart, das ein zügiges Studium fördert: am Lohn. Der "Wert von Arbeit" wird hierzulande im Lohn bemessen, dessen Höhe seine Wertschätzung widerspiegelt.

 

Parallelen


Die Zeit über den sh:z Parallel zur Debatte um das Lohnniveau hat die Wochenzeitung Die Zeit in ihrer Ausgabe Nr. 38 vom 15.09.2005 dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag sh:z, Herausgeber auch des Flensburger Tageblatts, zufällig einen Artikel gewidmet. Ulrich Stock berichtet in Die Zeit über:

Weiche Themen, billige Texte
Das Niveau der regionalen Presse sinkt dramatisch. Wie die Freiheit der Information dabei zugrunde gehen kann, zeigt das Beispiel des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages in Flensburg
(Die Zeit, 15.09.05)

Auszüge aus dem Artikel:
"Artikel [im Holsteinischen Courier des sh:z] kosteten die Emotion weidlich aus (...), denn die Aufregung über einen Sachverhalt kann seine nüchterne Bewertung glatt ersetzen – das hat die Heimatzeitung von der Bild-Zeitung gelernt."
...
"Die Kritiklosigkeit, die den Lokaljournalisten seit je als Vorwurf begleitet, darf er heute guten Gewissens ins Positive wenden: als aktiven Beitrag zur Identifikation mit einer Gesellschaft, deren innerer Zusammenhalt auch in der Provinz spürbar nachlässt."
...
"Zeitgemäße Regionalzeitungen sind keine Käseblätter mehr, es sind Crème-fraîche-Blätter, leicht, modern, bekömmlich für den, der noch was lesen will, bevor er den Fernseher anmacht."
...
"Wenn der neue Harry Potter-Band in der Herstellung ist, berichtet der sh:z detailliert über die Geheimhaltungsmaßnahmen bei der Druckerei Clausen & Bosse im nordfriesischen Leck. Gibt es aber bei diesem Büchermacher, einem der größten Europas, einen Arbeitskampf, acht Wochen lang mit vier Warnstreiks und etlichen Protestveranstaltungen, dann erfahren Hunderttausende sh:z-Leser im Lande nichts davon. Als ob der tarifliche Strukturwandel uninteressant wäre und nicht alle Branchen beträfe! Doch Gewerkschaft und Streik – das sind schwierige Themen. Sie erfordern Engagement, Recherche und Nachdenken, journalistische Grundaufgaben, für die beim sh:z kaum noch Zeit ist."
...
"Einige Mitarbeiter werden nach einer Übergangsfrist nur noch gut die Hälfte ihrer bisherigen Einkünfte beziehen. Wie soll man dies anders deuten als eine Entwertung journalistischer Tätigkeit?"
...
"die subunternehmende Redaktion, die für weniger Geld mehr leisten soll."
...
"Fährt man dieser Tage im Lande herum, um das Gespräch mit sh:z-Autoren zu suchen, zeigt sich das ganze Elend. Es gibt freie Mitarbeiter, die bekommen zwölf Cent die Zeile und schreiben entsprechend. In den Redaktionsstuben findet sich nichts von der frohen Schleswig-Holstein-Stimmung, die im Blatt verbreitet wird. Noch nie war die Atmosphäre in der Zeitung so schlecht wie jetzt – bloß die Leser merken davon nichts. Denn der sh:z ist sich selbst kein Thema."
...
"Zum Wahlsonntag [18.09.05, Bundestagswahlen] soll die Zeitung ein neues Gesicht bekommen: noch schöner, noch besser."
...
"Um in der Zerreißprobe der deutschen Gesellschaft zu bestehen, brauchen die Bürger – auch die im hohen Norden – kritische, differenzierte und relevante Informationen. Tag für Tag mitgeteilt zu bekommen, wie schön Schleswig-Holstein ist, wird da auf Dauer nicht reichen, zumal da das ja nicht einmal mehr gewiss ist."