Es ist mal wieder soweit: Wahlen an der Uni! Alle Infos findest du hier.
Wie der geneigte Studierende die Kandidaten seines/ihres Vertrauens wählen kann, findet ihr bei der "Sendung ohne Maus" vom CampusTV Flace.24

Zur Kritik 'konstruktiver Kritik'

DruckversionAn einen Freund sendenPDF version

Einleitung

Oft werden Begriffe mit Attributen versehen. Eigentlich käme ein Begriff auch ohne ein häufig wertendes Attribut aus. Das Attribut legt den Begriff meistens in einer bestimmten Form fest und schränkt ihn ein. Ein derartiger Fall ist die Rede von der 'konstruktiven Kritik'. Offenbar traut man Kritik für sich etwas nicht zu, weshalb man sie mit dem Attribut 'konstruktiv' auf etwas festlegen möchte. Was das jeweils ist, was dort 'konstruktiv' behandelt werden soll, kann nur die Betrachtung der Sache selbst zeigen.

Ein Beispiel

Vor einiger Zeit beschlossen StudierendenvertreterInnen des AStA der Hochschule X, die Teilnahme an einer landesübergreifenden Demonstration Studierender abzusagen, auf der die Verschlechterung der finanziellen Situation von Studierenden durch die Einführung von Studiengebühren angeprangert werden sollte. Wie begründeten diese AStA-VertreterInnen ihre Entscheidung?

"Der AStA der Hochschule X hat in seiner Sitzung vom xx.xx.2005 beschlossen, den Protest gegen Studiengebühren in Form der Norddemo nicht zu unterstützen.
Als Begründung wollen wir vorerst folgende Punkte nennen:
- Die inhaltlichen Formulierungen zur Ausrichtung der Norddemo erscheinen uns wenig zielgerichtet.
- Wir bezweifeln, dass unsere Position zu Studiengebühren ernst genommen wird, wenn wir unkonstruktiv und pauschal unseren Unmut kundtun.
- In Anbetracht anstehender Landtagswahlen in Schleswig-Holstein sehen wir unsere Aufgabe eher in der konstruktiven Mitgestaltung der zukünftigen Hochschulpolitik, als in ihrer Verteufelung als Ganzes.
- Eine Solidarisierung nur um der Solidarisierung wegen lehnen wir grundsätzlich ab."
(Quelle: AStA der Hochschule X: Absage der Norddemo)

K r i t i k

Was kommt in den oben angeführten vier Begründungen zum Ausdruck?

Zum Ersten: Den VertreterInnen "erscheinen" Formulierungen "wenig zielgerichtet". Sie nennen die Formulierungen nicht. Der Protest gegen die Einführung von Studiengebühren auf der Norddemo war eindeutig: Er richtete sich gegen eine weitere finanzielle Belastung von Studierenden, die für einige Studierende den Abbruch ihres Studiums zur Folge hätten. Bereits jetzt arbeiten nach der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2003, S. 30) 63%(!) der Studierenden nebenbei, d. h. sie sind mangels Geld zu Nebenverdiensten genötigt. Was also erscheint diesen VertreterInnen "wenig zielgerichtet"? Und worin besteht ihr Ziel?

Zum Zweiten: Die VertreterInnen zweifeln, dass ihre Position "ernst genommen wird" (von wem?), wenn sie "unkonstruktiv und pauschal ... Unmut kundtun". Die Formulierung impliziert, dass sie lieber 'konstruktiv' sein wollen. Wie aber soll es gelingen, einen auf die Verkleinerung des studentischen Geldbeutels gerichteten politisch mächtigeren Willen 'konstruktiv', d. h. nur zu den von diesem Willen gestatteten und geduldeten Bedingungen, von seinem Ziel abzubringen? Welche Mittel sind geeignet und nützen der eigenen Position, den mächtigeren Willen erfolgreich, d. h. von der eigenen Position zu überzeugen? Was 'konstruktiv' sein soll, eröffnet die dritte Begründung.

Zum Dritten: Die VertreterInnen sehen ihre "Aufgabe eher in der konstruktiven Mitgestaltung der zukünftigen Hochschulpolitik, als in der Verteufelung als Ganzes". Was ist Inhalt des "konstruktiven" Mitgestaltens, wenn der öffentliche Protest als "unkonstruktiv", "pauschal" und "Verteufelung als Ganzes" verstanden wird? Welche Verhandlungsposition haben diese, ebenfalls von dem mit mächtigeren Mitteln ausgestatteten politischen Willen abhängigen VertreterInnen zu bieten? Ihren Charme, eine Gremienmehrheit oder geschicktes Verhandeln? Was beabsichtigen sie "mitzugestalten", wenn ein mächtigerer Wille für sich entschieden hat, ihren Geldbeutel zu leeren? Soll eine opportunistische Haltung bewirken, dass der mächtigere Wille den Geldbeutel vor dem Entleeren vorsichtig öffnet, anstatt ihn brutal aufzureißen? Worin liegt dann noch die "konstruktive Mitgestaltung", wenn der mächtigere Wille das Geld abschöpfen will? Vielleicht darin, dass Studierende vermeintlich über den Zweck des ihnen abgenommenen Geldes entscheiden dürfen, wenn sie schon den Befehl der Zahlung befolgt haben? Der Hinweis auf die Landtagswahlen ist umso erstaunlicher, als sich gerade die kandidierenden Parteien zur Sache Studierengebühren deutlich positioniert haben.

Zum Vierten: "Eine Solidarisierung nur um der Solidarisierung wegen" wird "grundsätzlich" abgelehnt. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn es nicht um einen Sache ginge, die die Existenz der sozialen Gruppe, welche diese VertreterInnen zu vertreten vorgeben, existentiell bedroht. Zur Erinnerung: 63% der Studierenden müssen neben dem Studium arbeiten. Warum differenzieren die VertreterInnen nicht? Sie tun das, was sie anderen zum Vorwurf machen: Etwas "grundsätzlich" ablehnen. Warum differenzieren sie ihre Position nicht?

Was sich als Vertretung ausgibt, ist die Anpassung an einen mächtigeren Willen in einer unbestimmten, opportunistischen Hoffnung, dieser Wille möge sich einsichtig zeigen und die Bereitschaft zum "konstruktiven Mitgestalten" anerkennen. Bisher nahm die Politik wenig Rücksicht auf die Zahlungsfähigkeit der BürgerInnen; das belegen nicht nur die "Hartz-Gesetze". Woher nehmen die studentischen VertreterInnen ihre Hoffnung? Wenn sie "ihre" Hochschule in der Konkurrenz zu anderen Hochschulen als mitgestaltend präsentieren wollen, agieren sie, als wären sie Anteilseigner an der Hochschule. Leider gerät diese Haltung zum Nachteil der Studierenden, die zu vertreten ihre Aufgabe ist.

Schluss

Die Kritik hat, ohne "konstruktiv" Rücksicht zu nehmen, sachlich gezeigt, dass die "konstruktive Mitgestaltung" sich auf die bloße Anpassung an den mächtigeren Willen reduziert. Ob die VertreterInnen darauf bewusst spekulieren oder die ihnen anerzogene Konkurrenzlogik zu ihrer "Natur" geworden ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Sie mögen nette Menschen sein, ihre Haltung als VertreterInnen einer sozialen Gruppe wird aber dazu führen, dass es für diese soziale Gruppe zukünftig weniger nett sein wird. Der mächtigere politische Wille wird durch die "Mitgestalten" an der Durchsetzung seines Interesses nicht beeinträchtigt.


Eine "konstruktive" Frage

Wer gestaltet im Bild "mit"?

Demokratie - Wie geht das?

"Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt."

Jean-Claude Juncker, Premierminister von Luxemburg, erklärt seinen EU-Kollegen die Demokratie. In: Der Spiegel, 52/1999