PISA-Ergebnisse (2004)

Was ist PISA?

Beim "Programme for International Student Assessment" (PISA) handelt es sich um eine internationale Schulleistungsvergleichsstudie der OECD, die in drei Zyklen im Zeitraum 1998-2007 die Fähigkeiten der SchülerInnen der Mitgliedsstaaten der OECD testen soll.

Die drei Zyklen und ihre jeweils getesteten Schwerpunkte im Überblick:
1. Zyklus: PISA 2000 - Lesekompetenz
2. Zyklus: PISA 2003 - mathematische Grundbildung
3. Zyklus: PISA 2006 - naturwissenschaftliche Grundbildung

 

PISA 2000

Bei PISA 2000 wurden zentrale Kompetenzbereiche untersucht. Den Schwerpunkt bildete das Leseverständnis, die sogenannte Lesekompetenz. Nebenkomponenten waren mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung. Gleichzeitig wurden die biografischen Hintergründe der SchülerInnen sowie die Familien- und Lebensverhältnisse, unter denen die Jugendlichen aufwachsen, einbezogen. Die Ergebnisse von PISA 2000 wurden am 04.12.2001 veröffentlicht.

 

Zentrale Befunde (PISA 2000)

Professor Dr. Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, fasst die zentralen übergreifenden Befunde von PISA 2000 aus deutscher Sicht wie folgt zusammen:

1. In allen untersuchten Kompetenzbereichen (Lesekompetenz, mathematische Kompetenz, naturwissenschaftliche Kompetenz) liegen die mittleren Ergebnisse für die 15-Jährigen in Deutschland deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

2. Die Streuung der Leistungen ist in Deutschland breiter als in den meisten OECD-Staaten, im Bereich Lesekompetenz sogar am größten überhaupt.

3. Der Anteil derjenigen, die nur das unterste, elementare Kompetenzniveau erreichen oder sogar noch darunter bleiben, ist in Deutschland größer als in vielen anderen OECD-Staaten. Dies betrifft insbesondere die Lesekompetenz. Deutschland liegt hier auf dem fünftletzten Platz.

4. Im oberen Leistungsbereich entsprechen die durchschnittlichen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler weitgehend denen in anderen Staaten. Allerdings sind keine herausragenden Erfolge in der Förderung von Spitzenleistungen nachweisbar.

5. Der internationale Vergleich zeigt, dass die Sicherung eines insgesamt hohen Leistungsniveaus und die Verringerung der Leistungsabstände unter angemessener Förderung aller Leistungsgruppen miteinander vereinbare Ziele sind.

6. Schwächen zeigen sich in allen untersuchten Bereichen insbesondere bei Aufgaben, die ein qualitatives Verständnis der Sachverhalte verlangen und nicht im Rückgriff auf reproduzierbares Routinewissen gelöst werden können. Die Anwendungsorientierung kommt hier insgesamt zu kurz.

7. In Deutschland ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Kompetenz-Erwerb in allen drei untersuchten Bereichen statistisch besonders eng. Im Bereich der Lesekompetenz ist er im Vergleich zu allen anderen OECD-Staaten am engsten.

8. Es gibt hohe Überlappungen in der Leistungsverteilung zwischen den einzelnen Schulformen.

9. Die Verteilung der 15-Jährigen in Deutschland auf unterschiedliche Jahrgangsstufen ist ungewöhnlich breit. Dabei ist im Verhältnis zu den anderen Staaten die Zahl Schülerinnen und Schüler, die sich erst auf der neunten Jahrgangsstufe befinden, sehr hoch. Ursachen hierfür sind auch die intensiv genutzte Praxis der Zurückstellung vom Schulbesuch der Grundschule und der Klassenwiederholung, von der die meisten anderen OECD-Staaten nur zurückhaltenden Gebrauch machen.

10. Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund - insbesondere solchen Familien, die als tägliche Umgangssprache eine andere Sprache als Deutsch verwenden - bleiben im Durchschnitt deutlich unter den Kompetenzniveaus, die 15-Jährige erreichen, deren Eltern beide in Deutschland geboren wurden. Das gilt nicht nur für die Lesekompetenz, sondern - teilweise verstärkt - auch für die anderen Lernbereiche. Die Förderung von Schülerinnen und Schülern aus Familien vergleichbarer Zuwanderungsgruppen gelingt in anderen Ländern teilweise besser als in Deutschland.

11. Die niedrigeren Leistungsergebnisse von Jugendlichen aus Migrationsfamilien drücken sich auch in einer unterproportionalen Beteiligung an Bildungsgängen aus, die zu höheren Schulabschlüssen führen. Die entscheidende Hürde beim Übergang in diese Bildungsgänge ist dabei das Fehlen einer ausreichenden Lesekompetenz.

12. Jungen erzielen im Lesen schwächere Leistungen als Mädchen. Diese Differenz ist größer als der Leistungsvorsprung der Jungen in der Mathematik. Dieser Befund zeigt sich in fast allen an der Untersuchung beteiligten Länder, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß. Die relative Schwäche der Jungen im Lesen scheint vor allem darauf zurückzuführen zu sein, dass sie weniger Interesse und Zeit für das Lesen aufbringen als Mädchen.

13. Computer werden in deutschen Schulen deutlich seltener genutzt als in allen anderen Industrienationen. Die deutschen Jugendlichen haben zwar ein großes Interesse an Computern, aber vergleichsweise wenig Erfahrungen. Ihre Erfahrungen konzentrieren sich noch stärker als in anderen Ländern auf Computerspiele. Die Schulen - vor allem die Gymnasien - nutzen ihre Chance zu wenig, geschlechtsspezifische Interessen- und Erfahrungsunterschiede auszugleichen und Jugendliche auch an moderne Arbeits- und Lernsoftware heranzuführen.

Quelle: Kultusministerkonferenz-Pressemitteilung. Bonn, 04.12.2001
[Hervorhebungen AStA]

 

Literatur

Die PISA-Ergebnisse in Zusammenfassung:
PISA 2000 - Zusammenfassung zentraler Befunde.pdf (0,9 MB)

Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske+Budrich 2001

Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. Opladen: Leske+Budrich 2001

Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Ein differenzierter Blick auf die Länder der Bundesrepublik Deutschland. Opladen: Leske+Budrich 2003

 

Anmerkungen zu den Befunden

Punkt 2.) ist das Resultat eines besonderen Schulsystems, das noch aus der Kaiserzeit stammt. Deutschland ist das einzige OECD-Land mit einem dreigliedrigen Schulsystem. Erfolgreichere Staaten wie z. B. Finnland setzen auf ein Gesamtschulsystem, in dem die SchülerInnen nicht schon nach der Primarstufe voneinander selektiert werden sondern zusammen 9 Schuljahre verbringen.
Die Konsequenz der größten Schulleistungsstreuung: In keinem anderen Land kommen auf relativ wenige gute SchülerInnen so viele mittlere und schlechte SchülerInnen. In keinem anderen Land wird eine größere Anzahl von SchülerInnen von weitergehender Bildung ausgeschlossen. Die gewichtete Durchschnittsnote ergab daher Platz 21 von 31 Ländern.

Punkt 3.) bedeutet, dass quasi 24% der deutschen SchülerInnen nur die Kenntnisse von AnalphabetInnen haben - trotz 9-jährigem Schulbesuch! Was wird an den SchülerInnen in dieser Zeit hergestellt? Die Tatsache, dass ein Viertel der jungen Menschen einen Mangel an elementaren Basisfähigkeiten haben, sollte schwerer wiegen als die nationale Betroffenheit über den schlechten Rangplatz im internationalen Leistungsvergleich.

Punkt 7.) bedeutet, dass Deutschland bei der "Chancengleichheit" der SchülerInnen Platz 31 von 31 Ländern einnimmt. Nicht trotz sondern wegen der "Chancengleichheit" an den Schulen werden die bereits in der sozialen Herkunft angelegten Unterschiede reproduziert bzw. verstärkt. Das dreigliedrige Schulsystem institutionalisiert zusätzlich die Form der bestehenden Ungleichheit. Weil das Prinzip Leistung und nicht das Prinzip Herkunft zählt, ergibt sich, dass letztlich die Herkunft darüber entscheidet, wer an den gleichen Leistungsanforderungen scheitert und wer sich im Leistungsvergleich durchsetzt.
Wiederum sollte nicht der Rangplatz der Nation das Problem sein, sondern das Urteil, dass über den Lebenslauf von Menschen gesprochen wird.

Das deutsche Ergebnis spiegelt wider, dass der Staat bzw. die Regierung(en) auf Bildungsausgaben verzichten. Diese sind sogar unterdurchschnittlich: "In Deutschland wurden Ende der 90er Jahre 4,8 Prozent des Bruttosozialprodukts für das öffentliche Bildungssystem ausgegeben. Das ist deutlich weniger als in ähnlich reichen Ländern wie Schweden (8,3%), Dänemark (8,1%), Norwegen (7,4%), Finnland (7,5%), der Schweiz (5,4%), England (5,3%). Aber auch ärmere Länder geben einen höheren Anteil ihres Bruttosozialprodukts für Bildung aus, z. B. Island (7,2%), Lettland (6,3%), Portugal (5,8%), Slowenien (5,7%)."
Quelle: Was die anderen besser machen - Sozial integrative Schulsysteme und heterogene Schulklassen bieten bessere Lernmöglichkeiten für Jugendliche und Lehrpersonen. Bildungspolitische Folgerungen aus der PISA-Studie (junge Welt, 16.03.02)
[Hervorhebungen AStA]

Die Hochschulen haben ebenfalls zu wenig Finanzmittel und müssen deshalb notgedrungen Ausgaben kürzen. Bei den Hochschulrektoren hat sich die Meinung verfestigt, Studiengebühren von den Studierenden erheben zu wollen. Statt von der Politik eine angemessene Finanzierung zu fordern, wollen sie Geld bei den Studierenden eintreiben. Statt sich nach oben fordernd zu wehren, drücken sie nach unten auf die Studierenden.
Verwertungsanstalt Universität - Unternehmerverband präsentierte Konzept zur Hochschulfinanzierung. Kritik von Gewerkschaft und Studierenden (junge Welt, 30.09.04)


PISA 2000: bestätigt

Der Bericht "Education at a glance - Bildung auf einen Blick" der OECD vom September 2004 hat die Ergebnisse von PISA 2000 drei Jahre später nochmals bestätigt. Als Reaktion auf die Veröffentlichung simulierte die Bildungspolitik "Aktivität" wie bereits nach dem "PISA-Schock" vom 04.12.2001: Wollte man die PISA-Ergebnisse in 2002 zunächst mit der Einführung nationaler Bildungsstandards korrigieren, lobten Politik und auch OECD nun die Maßnahme der Einführung von Ganztagsschulen.
Ob sich etwas verbessern wird, bleibt fraglich, denn das deutsche Schulsystem produziert das Quantum an SchülerInnen, das auf dem Arbeitsmarkt real benötigt wird. Diskussionen über eine konkurrenzfähige Finanzierung findet man nicht, stattdessen wird behauptet: »Es ist kein Geld da!«

Siehe dazu: OECD - "Bildung auf einen Blick", 14.09.2004
PISA-Depression: Deutsch bleibt dumm - OECD kritisiert erneut deutsches Bildungssystem. GEW fordert Ende der Kleinstaaterei (junge Welt, 15.09.04)

 

Schulsystem: Studie

Nachdem die OECD im September in ihrer diesjährigen Studie "Bildung auf einen Blick" die Ergebnisse von PISA bestätigt hatte, liegt nun eine Studie der GEW vor, welche die Rückständigkeit des deutschen Schulsystems bestätigt und im Verhältnis zu skandinavischen Staaten untersucht:
Misere schwarz auf weiß - Eine von der GEW vorgestellte Studie belegt Rückständigkeit des deutschen Schulsystems. Aussonderungen von Schülern nach Leistungen und sozialer Herkunft (junge Welt, 19.11.04)

Die Schulexpertin der GEW zieht ein unerwünschtes Fazit:
»DDR-Schulstruktur wäre für alle besser gewesen« - Die Einführung des integrierten Systems wird immer häufiger diskutiert. Ein Gespräch mit Marianne Demmer (GEW) (junge Welt, 19.11.04)