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Wie der geneigte Studierende die Kandidaten seines/ihres Vertrauens wählen kann, findet ihr bei der "Sendung ohne Maus" vom CampusTV Flace.24
Studienkredite in der Kritik (2004)
Bildungsinvestitionen?
Das Bildungswesen in Deutschland ist im internationalen Vergleich deutlich unterfinanziert: "In Deutschland wurden Ende der 90er Jahre 4,8 Prozent des Bruttosozialprodukts für das öffentliche Bildungssystem ausgegeben. Das ist deutlich weniger als in ähnlich reichen Ländern wie Schweden (8,3%), Dänemark (8,1%), Norwegen (7,4%), Finnland (7,5%), der Schweiz (5,4%), England (5,3%). Aber auch ärmere Länder geben einen höheren Anteil ihres Bruttosozialprodukts für Bildung aus, z. B. Island (7,2%), Lettland (6,3%), Portugal (5,8%), Slowenien (5,7%)."
Quelle: Was die anderen besser machen - Sozial integrative Schulsysteme und heterogene Schulklassen bieten bessere Lernmöglichkeiten für Jugendliche und Lehrpersonen. Bildungspolitische Folgerungen aus der PISA-Studie (junge Welt, 16.03.02)
[Hervorhebungen AStA]
Der Artikel fährt fort: "Den geringen öffentlichen Aufwand für das Bildungssystem können die Familien kaum noch privat kompensieren."
Gesellschaftliche Verhältnisse ab 2005
In dieser Situation sollen die Familien sich außerdem privat versichern in den Bereichen Rente, Krankheit (und evtl. auch Zahnersatz) und erhalten - wegen Agenda2010/"Hartz IV" - ab Januar 2005 auch weniger Unterstützung im Falle längerer Erwerbslosigkeit. Vielmehr sind die Familien dann sogar staatlicherseits gezwungen, eventuell vorhandene Rücklagen für Rente oder Krankheitsfälle zu verbrauchen, bevor sie überhaupt staatliche Unterstützung erhalten. Im Falle längerer Erwerbslosigkeit verliert man also die in besseren Zeiten angesparten Rücklagen. Die Vorsorge gegen Altersarmut und Krankheiten gerät in Konflikt mit der Studienfinanzierung des Nachwuchses.
Der Nachwuchs wird mit weniger Unterstützung der Eltern rechnen müssen - insbesondere der Nachwuchs aus finanziell schwachen, armen Verhältnissen. (siehe dazu die 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks: "Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2003")
Der Staat hilft in dieser Situation nicht, ansonsten müsste er in viel größerem Umfang Studienwillige mit BAföG unterstützen oder Stipendien finanzieren. Er überlässt es dem Markt bzw. privaten Anbietern. PolitikerInnen behaupten: "Es ist kein Geld da!" Tatsächlich ist es eine politische Willensentscheidung, mit öffentlichen Steuergeldern - von allen - nicht auch ein Bildungssystem öffentlich - für alle - zugänglich zu machen.
Der Markt
Indem sich der Staat aus öffentlicher Verantwortung zurückzieht, schafft er einen Markt, d. h. er sorgt dafür, dass eine nach wie vor bestehende (studentische) Nachfrage sich ein (Finanzierungs-)Angebot suchen muss, sofern sie ein Studium finanzieren will. Auf diese durch den Rückzug des Staates(1) absichtlich geschaffene Nachfrage hoffen private Anbieter, Geschäfte machen zu können und machen Angebote. Ein Geschäft macht man, wenn man mehr nimmt als man gibt.
Für die Anbieter ist die Situation komfortabel, denn sie müssen nicht anbieten. Für die Nachfrager, die StudentInnen, ist die Situation sehr ungemütlich, weil sie ihr Studium finanzieren müssen - und das möglichst zu einem bestimmten Zeitpunkt, wenn sie an einer Hochschule zugelassen wurden. (zu NCs >>) In jedem Marktverhältnis von Verkäufer und Käufer ist grundsätzlich die Seite benachteiligt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt kaufen oder verkaufen muss.
Studentenkredite
Seit September bieten zwei Sparkassen auf dem Campus in der Mensa Kredite an. Die Nospa überraschte die Studierendenschaft der Universität Flensburg am 18.09.04 in einer Zeitungsmeldung mit einem "Studenten-Futter". Die Nospa bzw. ihr Marketing bezeichnet den Studienkredit, genauer das Gesamtpaket inkl. Zusatzangeboten, als "einzigartig in Deutschland". Die Entwicklung des Gesamtpaketes sei sehr zeitaufwendig gewesen.
Mittlerweile ist die Flensburger Sparkasse mit einem "Sparfök"-Angebot nach, für das Flyer in der Mensa am 04.10.04 auslagen. Die Zunahme von Angeboten dieser Art ist Anlass, sie aus studentischer Sicht kritisch zu prüfen.
Kredite - Analyse
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Die Nospa eröffnete den Kredit"segen" mit einem Angebot von 300 € monatlich auf ein kostenfreies Girokonto. Zusätzlich bietet sie Versicherungen an, die man mehr oder weniger braucht.(2) Das Kernstück ist aber die Studienfinanzierung von 300 €/Monat auf 6 Jahre Dauer (Uni).
Wir errechneten: In 6 Jahren erhält man 300 € x 72 Monate = 21.600 € brutto. Abzüglich der laufend zu zahlenden Kreditzinsen erhält man einen Konsumkredit von nur ca. 15.950 € netto. Die Kreditschuld addiert sich mit den Zinsen über 6 Jahre zu einer Summe von ca. 27.630 € netto, zzgl. der Tilgungszinsen während der 50-monatigen Rückzahlungsfrist (der Berechnung liegt ein Zins von 7,47% zugrunde, der aber variieren kann).
"Die Rückzahlung des Darlehens erfolgt erst 1 Jahr nach der Studienzeit, wenn Sie im Berufsleben Fuß gefasst haben und ihre Karriere beginnt." - Das Problem ist das "wenn", denn leider garantiert ein Studienabschluss heutzutage keinen Job bzw. eine "Karriere". Die Rückzahlung ist also unsicher, privates Risiko.
Der Nospa geht es um eine "langfristige Geschäfts- oder Kundenbindung", die sich auf ein Jahrzehnt beläuft: 5 bis 6 Jahre Studium + 1 Jahr Rückzahlungsfrist + 4 Jahre Rückzahlung.
Die Nospa vergibt den Kredit "ohne Sicherheiten", was bemerkenswert ist, da die Nospa bei der Vergabe von Krediten zuletzt sehr restriktiv verfahren war, mittelständische Kunden abblitzen ließ und betont auf Sicherheiten setzte.
Die Flensburger Sparkasse bietet auch einen Kredit von 300 € monatlich an bei einem festen Zins von 4,95% pro Jahr. Der Kredit ist ebenfalls nicht von Sicherheiten abhängig.
Kredite - Eindrücke
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Der AStA der Uni machte zwei Stichproben bei der Nospa, von denen die eine beschränkten Aussagewert hatte. In beiden Fällen erschienen die BeraterInnen recht freundlich und legten die Zahlen korrekt dar.
Negativ fiel auf, dass die Kredite (bzw. das Gesamtpaket, welches weitere Zusatzangebote enthält) auch in der Mensa beworben wurden. Angestrebt wird die "langfristige Geschäftsbindung", die gut überlegt sein will, da die "Bindung" potentiell zur individuellen Fesselung werden kann. Kredite sind immer ein Risiko, erst recht, wenn sie dem Konsum und nicht der Investition in ein zu verwertendes Objekt dienen.
Die Prüfung durch eine Schuldnerberatung konnten wir nicht vornehmen, da eine genauere Beurteilung der Vorlage des Kreditvertrages bedurft hätte. Den Kreditvertrag wollte die Nospa erst nach Datenerfassung der Kundendaten herausgeben. Das fanden wir merkwürdig.
Kredite - Fazit
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Was sich nett und lecker als "Studenten-Futter" gibt, kann zur fiesen Magenverstimmung werden, wenn man am Ende des Studiums feststellt, dass die im Studium erworbene Qualifikation am Arbeitsmarkt nicht nachgefragt wird und deshalb kein Job zu finden ist und schon gar keine "Karriere" beginnt. Selbst wenn man einen Job findet, muss man ein Lohnniveau erreichen, das die Rückzahlung des Kredites (nach 6 Jahren sind es 50 Monatsraten zu 432 € zzgl. Tilgungszinsen) erlaubt. Man sollte also 500 € über den Lebenshaltungskosten verdienen. Vielleicht reicht auch der Kredit allein nicht aus, man hat BAföG beantragen müssen. Dort kann ebenfalls eine Rückzahlung von bis zu 10.000 € gefordert sein. Die Schulden hätten sich dann auf 27.630(Kredit zzgl. Tilgungszinsen)+10.000(BAföG, unverzinstes Darlehen) = 37.630 € netto zzgl. Tilgungszinsen addiert. Studienabschlussförderung oder ein Bildungskredit könnte die Schuld natürlich noch weiter erhöhen.
Das bedeutet, dass die Zeit nach dem Studium finanziell so trostlos würde wie während des Studiums. Mindestens 10 Jahre Abhängigkeit sind die Folge. Es ist davon auszugehen, dass die Sparkassen auf zukünftige Finanzierungen hoffen, wie z. B. den Bau eines Eigenheims.
Angesichts sich wandelnder Marktbedingungen türmt sich ein erhebliches Schuldenrisiko auf, was ein Einkommen mit einem Surplus erfordert, um den Kredit zurückzahlen zu können. Es ist zu bezweifeln, ob junge Menschen zum Beginn eines neuen Lebensabschnittes Studium mit ca. 20 Jahren eine finanzielle Abhängigkeit von durchschnittlich 10 Jahren auf sich nehmen können. Wir raten allen StudentInnen, diese längeren Verpflichtungen sorgfältig abzuwägen und Kontakt zu AbsolventInnen zu suchen, um so über die späteren Berufsaussichten zu erfahren! Aber auch wenn die Berufsaussichten heute rosig erscheinen, mag sich der Arbeitsmarkt in 5 Jahren total verändern. Kredite unter unabwägbaren Marktrisiken sollte man unbedingt vermeiden! Geschenkt wird nichts! Teilweise gibt es bei der zu tilgenden Kreditsumme erhebliche Unterschiede!! Wer die Kredite - notgedrungen - in Anspruch nehmen muss, ist nicht zu beneiden. Dass Notlagen bestehen, ist Folge politischer Entscheidungen, wie die Ergebnisse von PISA 2000 gezeigt haben.
Kommentare der Hochschulrektoren
Die Rektoren beider Flensburger Hochschulen kommentierten die Kredite. Anläßlich der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zum Hochschulsport begrüßte der FH-Rektor das Angebot "als Beitrag zur Verkürzung des Studienzeiten" während der Uni-Rektor es als "Einstieg in den Bereich der sozialverträglichen privaten Studienfinanzierung" (Flensburger Tageblatt, 18.09.04) wertete.
Was der Rektor unter "sozialverträglich" versteht, wissen wir nicht. In Verbindung mit "privater" Studienfinanzierung ist es vielleicht ein Euphemismus. Eine "Verkürzung der Studienzeiten" mag ein Effizienzwunsch sein, der Schuldenlasten für Studierende einkalkuliert. Eine vorenthaltene Förderung mit BAföG kann durch einen Kredit nur mehr schlecht als recht kompensiert werden. Vielleicht verkürzt ein Kredit die Studienzeit, bürdet aber den Studierenden mit Sicherheit Schulden auf. Entsprechend wirkt der ökonomische Anpassungsdruck auf die Studierenden auch an der Fachhochschule.
Die Hochschulrektoren kümmern sich darum, dass die von ihnen geleitete Institution Hochschule reibungslos funktioniert und wächst. Sich um private Schicksale von verschuldeten Studierenden bzw. AbsolventInnen zu kümmern, ist nicht ihre Aufgabe. "Sozialverträglich" kann auch sein, dass man privat für sich allein stirbt. Arme sterben statistisch früher und schlechter.(3)
Studiengebühren?
Dass die Rektoren, selbst finanzieller Sorgen enthoben, die Studienkredite zur "sozialverträglichen privaten Studienfinanzierung" begrüßen, kann bedeuten, dass sie in den Krediten das Kapital sehen, welches Studierenden in absehbarer Zeit "hilft", damit die von den Rektoren befürworteten Studiengebühren (siehe Beschlüsse und Positionen der Hochschulrektorenkonferenz(4)) zu bezahlen. Studierende würden dann im Semester 1.800 € Kredit von den Sparkassen erhalten und könnten davon die Studiengebühren ("Studienbeiträge" etc.) in Höhe von ca. 500 €/Semester bezahlen, die angeblich - und international empirisch widerlegt - den Hochschulen zugute kommen sollen. Zusätzlichen Einnahmen für ihre(!) Hochschulen sind die Rektoren nie abgeneigt - insbesondere auf Kosten der Studierenden, die dann noch krasser in zahlungsfähige Kunden (reiche Eltern) und zahlungsunfähige Erwerbslose (mittellose Eltern) selektiert würden.
Weil Informationen seit Erfindung des Buchdrucks und spätestens seit Einführung des Internets frei zugänglich sein sollten und weil die nachwachsende Generation sich an den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bilden sollte, lautet unsere progressive Forderung für dieses reiche Land:
fr€i€s Studium für alle!
Fußnoten
(1) Der Rückzug des Staates ist kein Novum. Die Forderung nach einem "Nachtwächterstaat"(der Staat enthält sich Eingriffen in die Wirtschaft, es regiert der "freie Markt") gab es bereits zu Zeiten des sogenannten "Manchester-Kapitalismus" im 19. Jahrhundert. Märkte haben ökonomisch wenige starke gegenüber sehr vielen (finanziell) schwachen TeilnehmerInnen, wobei letztere selten gute Geschäfte machen.
(2) Es empfiehlt sich grundsätzlich eine private Haftpflichtversicherung.
(3) Ob es angesichts von Armut in diesem Land "sozialverträglich" ist, wenn die Monatsgehälter weniger ProfessorInnen von über 5.000 € von der Lohnsteuer sehr vieler abhängig Beschäftigter aufgebracht werden, ist eine offene Frage.
(4) Studiengebühren und private Studienfinanzierung bedingen einander, d. h. wer Studiengebühren wünscht, freut sich über jede Quelle, die ihrer Bezahlung dient. Vgl. dazu: Verwertungsanstalt Universität - Unternehmerverband präsentierte Konzept zur Hochschulfinanzierung. Kritik von Gewerkschaft und Studierenden (junge Welt, 30.09.04)


