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Glauben, Meinen, Wissen

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Einleitung

"Wissenschaft - Was ist das? Wie geht das?" lautet der Titel einer Veranstaltung an der Universität Bremen im Sommersemester 2004. Die Veranstaltung untersucht bekannte Begriffe grundsätzlich.

Wie sind Glauben, Meinen und Wissen jeweils bestimmt?

Ihre Bestimmung enthält zugleich die Abgrenzung der Begriffe voneinander. Allen ist gemein, dass es sich um geistige Tätigkeiten eines Subjekts handelt. Insofern sind sie alle als Tätigkeiten subjektiv. Ihre Resultate sind es dagegen nicht.

Wissenschaft

Die Wissenschaft will herausfinden, was eine Sache ist. Die Resultate der Erkenntnistätigkeit gelten hier unabhängig von der Person des Erkennenden "intersubjektiv", also ganz nur den Bestimmungen des Erkenntnisgegenstands verpflichtet (objektiv).
Der Gedankengang von Wissenschaft ist der Zusammenhang von Kenntnis und Erkenntnis. Wissenschaft befindet in einem dauernden Prozeß der Erkenntnis in Auseinandersetzung mit der Welt. Wenn sich die Welt oder die Gesellschaft verändert, ist jeweils zu überprüfen, ob die vorherigen Aussagen weiterhin zutreffen, wahr sind.

Im Gegensatz dazu existiert außerdem ein anderes Verständnis von Wissenschaft, demzufolge Wissenschaft nur in einer Community von Akademikern, die beruflich forschen, stattfindet. Lediglich die dazu berufenen Akademiker können demnach Wissenschaft betreiben; alle anderen sind außen vor. Es ist dies der Wissenschaftsbetrieb, die "Wissenschaft als Beruf" (Max Weber). Die Zwecke setzt der Betrieb trotz "Freiheit von Forschung und Lehre" nicht selbst, was hier kritisiert wird.

Meinen (Meinung)

Im Unterschied zur Wissenschaft soll bei der Meinung auch das Resultat der Erkenntnistätigkeit nur für die Person gelten, die es äußert. So kommt es, dass sich in der Sphäre der Meinung (d. h. vor allem in der Öffentlichkeit) einander ausschließende Meinungen gegenüberstehen, ohne dass die Differenz oder der Gegensatz geklärt wird.
Das ist widersprüchlich, denn einerseits tritt auch die Meinung als Urteil über eine Sache auf, die sie bestimmen will, beansprucht also Gültigkeit. Andererseits soll die Gültigkeit nur für den Meinenden gelten, d. h. man erklärt die Erkenntnisse, zu denen man gekommen ist, zugleich nicht für verbindlich.

Wenn es beliebig ist, ob eine Theorie gilt oder nicht, worum geht es dann eigentlich bei einem Streit über Meinungen?

Es wurde gesagt, dass bei der Meinung nicht nur die Erkenntnistätigkeit eine subjektive ist, sondern auch das Resultat. Das Resultat will als Personifikation der Besonderheit des meinenden Subjekts gewürdigt sein. Das kommt z. B. in der Verwendung des Personalpronomens "Meins" zum Vorschein. Deswegen sind die Meinungsstreits einerseits immer sehr heftig. Andererseits führen sie nie zur Auflösung - es sei denn, die Diskutanten verabschieden sich bloßen Meinens. Die Kritik eines Urteils ist dann nicht einfach ein Beitrag zur Erklärung einer Sache, sondern wird letztendlich als Bestreitung der Berechtigung des freien Meinens, implizit der subjektiven Besonderheit der Person, verstanden sein. Deshalb kommt es zum Abbruch des Streits ohne ein intersubjektives Ergebnis.

Meinungsstreit

Wenn in einem Meinungsstreit der Gegenstand des Streits wirklich Bedeutung für die Streitenden hat, so werden diese sich um einen Kompromiss bemühen. Dabei wird die Ebene von Meinung (Subjektivität, begrenzte Gültigkeit der Aussage, die Frage "Wer hat Recht?") verlassen. In einer Erörterung, bei der die persönliche Befindlichkeit zurückgestellt wird, kann Erkenntnis und damit Wissen über den Gegenstand des Streits gewonnen werden. (Ein Kompromiss unterscheidet sich vom Konsens. Konsens liegt vor, wenn die Streitenden schlicht eine gemeinsame Schnittmenge in ihren Meinungen entdecken, die Meinungsebene folglich nicht verlassen wird.)

Warum ist es schwierig, Meinungen daran zu messen, ob sie falsch oder richtig sind?

Es lässt sich sagen, dass die Kategorien falsch/richtig auf Meinungsäußerungen nicht anwendbar sind. Die Aussage hat nur für den Sprecher, also subjektiv Gültigkeit; es ist seine Meinung. Zwischen dem eigenen und intersubjektiven, objektiven Gültigkeitsanspruch besteht ein Widerspruch. Dieser kann gelöst werden, indem der Sprecher sich bewusst wird, dass es ihm um ein Urteil über die Sache geht, nicht um die Vertretung seiner Meinung und bloßes Rechthaben. Auf Urteile können die Kategorien falsch/richtig (nach Maßstäben der Vernunft) angewendet werden.

Ein Meinungsstreit kann zu dreierlei Ergebnissen führen, die qualitativ sehr differieren:
1. Ein Kompromiss lässt ungleiche Positionen nebeneinander bestehen. Es findet keine objektive (= intersubjektive) Untersuchung der Sache, des Gegenstandes statt, sondern eine Befriedung des Streits "um des Friedens willen". Dies ist kein Argument aus der Sache, sondern es dient der Entschärfung der (gespannten) Situation. Es gilt: Kompromiss ¹ Erkenntnis.
2. Ein Konsens bedeutet eine gleiche Meinung mehrerer Personen, ungeachtet ihrer Richtigkeit, und schafft Gemeinsamkeit und Kumpanei. Auch hier gilt: Konsens ¹ Erkenntnis.
3. Bei der Klärung treten die Personen (und damit die Besonderheit des Meinens mit seiner Beanspruchung eben dieser Persönlichkeit der Meinung) zurück. Es geht um die Untersuchung der Sache, das Kennenlernen des Gegenstandes. Es gilt: Klärung = Erkenntnis.

Urteil und Bewertung

Warum liegt kein wissenschaftliches Urteil vor, wenn man einen Gegenstand über die Bewertung bestimmt, die er erfährt?

Der Stellenwert einer Sache sagt nichts über den Gegenstand an sich aus. Der Stellenwert ist eine moralische Kategorie, die aussagt, in welcher Wertschätzung der Gegenstand steht. Wenn man z. B. sagt: "Glauben ist toll" sagt man damit nicht aus, was Glauben an sich ist (es sei denn, man akzeptiert die Antwort: "eine tolle Sache"). Es drückt sich in der Aussage lediglich der persönliche Bezug zum Gegenstand aus, der intersubjektiv keine Gültigkeit hat, da andere Menschen einen anderen Bezug zur Sache haben.

Der Stellenwert lässt sich möglicherweise als Vorurteil entlarven, wenn die Argumente, die den Stellenwert begründen, sich nach Prüfung als unsinnig erweisen. Ein Vorurteil benutzt die moralischen Kategorien gut/schlecht statt der Erkenntniskategorien richtig/falsch. Hinter den moralischen Kategorien liegt gelegentlich eine weitere Ebene - die Ebene der Interessen, die sich wiederum nach nützlich/schädlich unterscheiden. Von der interessegeleiteten Kategorie besteht eine Verbindung zur moralischen.

(Beispielthese: "Was gut für General Motors ist, ist auch gut für die Welt." - Handfeste Interessen werden moralisch übertüncht und sichern so die Durchsetzung der jeweiligen Interessen, indem sie als Ideologie, dem nur scheinbaren Nutzen für alle, wirken. Wer entsprechend gegen die sich "gut" dünkende Seite Einwände oder Kritik vorbringt, kann von dieser Seite ohne Darlegung der Gründe, nämlich der Interessen, moralisch abgekanzelt und in der Öffentlichkeit isoliert werden.)

Glauben

Glauben ist das Festhalten an Etwas, dass man nicht wissenschaftlich begründen kann. Der Maßstab der wissenschaftlichen Erkenntnis wird an Glaube explizit nicht angelegt. Trotzdem wird am Glauben festgehalten - bis zum Fanatismus. Der Hinweis, dass es wissenschaftlich nicht begründbar ist, dass der Gegenstand des Glaubens fiktiv ist, lässt den Gläubigen kalt - warum? Der Glaube beruht eben nicht auf Erkenntnis, sondern auf ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis ist eine Entscheidung - worüber?

Die Entscheidung füllt die Person ganz und gar aus, die Person ordnet sich als Gläubige/r in die Welt ein. Er glaubt an etwas, was es nur durch den Glauben gibt. Damit unterwerfen sich die Glaubenden einer Autorität, die es nur gibt, weil sie an diese glauben! Es ist ein Glaubenskonstrukt.
Für dieses Konstrukt werden Heilige als Beleg für das ausgedachte Überirdische genommen. Es ist die Verlängerung des Glaubenskonstrukts: Weil sie an etwas Überirdisches glauben, nehmen sie sich Heilige (Menschen, die wirklich gelebt haben und als Heilige gelten) her und führen sie als Beweis für ihr Glaubenskonstrukt an. Der Glaubensinhalt (das Überirdische) wird bewiesen durch den irdischen Heiligen, an den man erst einmal glauben muss, damit er als Beweis dienen kann.

Naturreligion

Was unterscheidet die christliche Religion von Naturreligionen? - Naturreligionen zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Anhänger gemäß des Standes ihrer technologischen Entwicklung (noch) unmittelbar abhängig von der sie umgebenden Natur sind. Naturphänomene haben sie nicht erklärt und für sich nutzbar gemacht, sondern nur beobachtet.

Während einer Dürreperiode lässt sich z. B. beobachten, dass es Wasser (in Form von Regen) braucht, damit Pflanzen wachsen. In der Naturreligion werden daraus keine wissenschaftlichen Schlüsse gezogen, die dann erklären, wie das mit dem Wachsen wirklich funktioniert oder die zu technischen Verfahren führen, die das Bewässern von Pflanzen steuerbar machen. Sondern es bleibt bei der schlichten Beobachtung, dass Wachstum etwas mit Regen zu tun hat. Daraus wird geschlossen, dass der "Regengott" für das Wachstum verantwortlich ist. Sowohl ein zu wenig an Regen wird dadurch erklärt ("der "Regengott" hat uns verlassen/vernachlässigt") als auch ein zuviel oder die Versorgung mit Regen genau im günstigen Maße.

Heutzutage sind Naturphänomene zum großen Teil erklärt, die Natur mittels der von Menschen verwendeten Technologie beherrschbar geworden. Spätestens damit ist die Unterwerfung unter höhere Mächte überflüssig. Denn eigentlich sollte man meinen, dass mit der Erklärung einer Sache selbst der vormals Gläubige zum Wissenden wird, und somit seinen naturverhafteten Glauben aufgibt. Und doch unterwerfen sich Menschen trotz fortgeschrittener Erkenntnisse über alle möglichen Phänomene einer höheren Macht, sobald eine Wissenslücke auftaucht.

Glaube als Kompensation

Wie kommt es dazu, dass der Glaube als gepflegter Irrationalismus eingesetzt wird? - Immer wenn Situationen/Phänomene auftreten, die sich der Einzelne nicht erklären kann bzw. will oder die zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissenschaftlich noch nicht erklärbar sind, liefert der Glaube den fehlenden Sinn ersatzweise nach.

Als Beispiele dafür dienen die Spontanheilung oder die Arbeitslosigkeit. Es kommt vor, dass ein vorher vorhandener Tumor plötzlich verschwindet, ohne dass dies (bisher) erklärbar ist. Der rationelle Umgang mit dieser Tatsache erfordert, dass man weiter forschen muss, um die Ursache herauszufinden. Die Wissenslücken müssen durch Forschen nach Gründen geschlossen werden.

Anders der Gläubige. Er geht einen Schritt zurück und zieht aus der Tatsache, dass etwas noch nicht erklärt ist den falschen Schluss, dass es überhaupt nicht erklärbar ist. Damit handelt er so wie das Naturvolk, das er eben noch milde belächelt hat.

Wird jemand arbeitslos, so hilft ihm der Glaube, um sich über seinen leeren Geldbeutel hinweg zu trösten. Dass es nur um Trost geht, zeigt die Tatsache, dass sich an der Fülle an Lebensmitteln im Schrank durch den Glauben nichts ändert. Wohl aber wird der Gläubige in seiner Vorstellung versöhnt mit dem, was ihm gesellschaftlich angetan wurde. Er weigert sich, die Gründe für die seine Lage herauszufinden, indem er sich auf den Glauben zurückzieht.

Damit unterwirft er sich seiner Lage, redet sie sich schön und leugnet die Ohnmacht gegenüber den herrschenden ökonomischen Verhältnissen. Es bleibt ihm praktisch auch nichts anderes übrig, denn würde er seine Situation zum Anlass nehmen, sie zu ändern, so würde er schnell in seine Schranken verwiesen.

Die objektive Lage von Arbeitslosigkeit stellt sich als aussichtslos dar. Es ist ökonomische Realität, dass der Mensch nicht eigener Herr über seine Situation bezüglich Lohnarbeit oder Arbeitslosigkeit ist.
Gleichwohl wird subjektive Willensanstrengung in Motivationsseminaren (Glauben an den Erfolg bzw. "Triumph des Willens") als Möglichkeit angepriesen, damit objektiv die Bedingungen günstig zu verändern.

Quelle

Der Text ist eine Auswahl aus den Protokollen zur Veranstaltung
"Wissenschaft - Was ist das? Wie geht das?", einem pädagogischen Kolloquium zur Erkenntnistheorie aus dem Frühjahr 2004 an der Universität Bremen. Die Protokolle reflektierten u. a. auch die Werte "Meinungsfreiheit" und "Glaubensfreiheit".