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Grundfragen und Vernunft
Drei Grundfragen
Immanuel Kant (1724-1804), Philosoph aus Königsberg, formulierte im Zeitalter der Aufklärung (18. Jahrhundert) drei Grundfragen, die implizit zu einer vierten führen:
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Was kann ich wissen? (Erkennen)
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Was soll ich tun? (Handeln)
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Was darf ich hoffen? (Glauben)
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...und daraus folgend: Was ist der Mensch?
Die erste Frage fragt nach den Möglichkeiten und Bedingungen der Erkenntnis. Ihre Beantwortung ist die Grundlage für die Untersuchung der übrigen Fragen. Sie ist Grundlage wissenschaftlichen Vorgehens überhaupt.
Was können wir wissen über die Welt, über uns selbst, über Gott? Ist unsere Erkenntnis rein auf die Erfahrung beschränkt, oder ist Erkenntnis auch ohne Erfahrung - a priori - möglich? Woher stammt unser Bewusstsein von Gewissheit und Notwendigkeit und ist diesem zu trauen? Welche Rolle spielen wir selbst als Denkende im Prozess der Erkenntnis?
Die zweite Frage ist auf das menschliche Handeln gerichtet, auf die Gestaltung des Lebens nach vernünftigem Maßstab. Die Vernunft ist Maßstab für das Handeln gegenüber und mit anderen Menschen in der Gesellschaft. Idealerweise erlaubt sie einen Ausgleich zwischem dem Interesse des Einzelnen und dem Interesse aller.
Die dritte Frage zielt auf den menschlichen Glauben, ob es z. B. eine höhere Macht gibt oder ob der Mensch in seinem Willen frei oder unfrei ist. Da es nicht um gesichertes Wissen, sondern um Glauben geht, können Antworten nur in beschränkter Weise durch "Beweise" gegeben werden.
Den Menschen macht aus, dass er, anders als das Tier, über das Vermögen verfügt, sich die genannten Fragen stellen zu können. Er kann sich selbst Zwecke setzen und auf diese mittels der Vernunft reflektieren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingen jedoch, dass das Fragenstellen und Reflektieren nicht gefördert werden, unerwünscht sind. Den meisten Kindern wird das Fragen schon früh ausgetrieben ...
Postulat der Aufklärung
Fragen ist die Voraussetzung, will man die Welt erkennen. Wie aber ist die Verstandestätigkeit zu fördern, wenn sie durch Erziehung negiert wurde?
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
(Königsberg/Preußen, 30.09.1784)
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. ...
Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im ganzen genommen, schon imstande wären oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel." (aus: Dezember-Ausgabe "Berlinische Monatsschrift", 1784)
Quelle: BAHR, Ehrhard (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Stuttgart: Reclam 1974
Kants Antwort auf eine Frage der Berliner Akademie von 1783 zeigt Motiv und Ziel seines Philosophierens: Der Mensch soll sich seiner eigenen Verstandestätigkeit bedienen und nicht einer fremden Autorität beugen. Er soll die Ansprüche akzeptieren oder selbst vertreten, die sich vor seiner Vernunft als gültig erwiesen haben. Allein die Vernunft soll die prüfende Instanz sein, andere Möglichkeiten oder Garantien bleiben nicht.
Kategorischer Imperativ als vernünftiges Prinzip
"Nach Kant entspringen die moralischen Prinzipien, die den Menschen in seinen Handlungen leiten, allein dem reinen Denken. Daraus folgt keineswegs, moralische Einsicht sei der Philosophie vorbehalten; jeder normale Mensch, so behauptet Kant, wisse sehr wohl, was richtig und was falsch ist. Eine Moralphilosophie, die erbauliche, belehrende Zwecke verfolgt, ist schlechte Philosophie. ...
Laut Kant hat die traditionelle Moralphilosophie zumeist den Fehler begangen, die Moral auf Bedürfnisse, Wünsche oder Neigungen gründen zu wollen. Bei Bedürfnissen und Wünschen handelt es sich jedoch um individuelle Größen, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden können. Wenn also die moralische Qualität einer Handlung von den Wünschen und Bedürfnissen des Individuums abhinge, könnte für den einen Menschen richtig sein, was für den anderen falsch ist.
Dann wäre eine notwendige und allgemeingültige Moral ausgeschlossen, was nach Kant hieße, daß die Moral selbst eine Illusion wäre. Wenn sie mehr sein will, muß sie von den menschlichen Wünschen und Neigungen unabhängig sein. Von Moral kann nur die Rede sein, wenn sie allgemeinen Gesetzen folgt, die ihren Grund in der reinen Vernunft haben. Moralität entspringt der Autonomie, der freie Wille des Menschen wird durch die Gesetze der Vernunft bestimmt (im Gegensatz zu Heteronomie). Diese autonome Bestimmung des Willens bedeutet, daß der moralische Wert einer Handlung nicht durch ihre tatsächlichen Folgen bestimmt ist, sondern allein durch die Art der Motive, die der Handlung zugrunde liegen. ...
Eine Handlung, so faßt Kant zusammen, besitzt nur moralischen Wert, wenn sie aus Pflicht geschieht. ... Es geht hier nicht um Unterdrückung von Neigungen wie Mitgefühl, Zuneigung oder Liebe zugunsten eines gefühlskalten Pflichtbewußtseins, sondern darum, auch dann zur Durchführung moralischer Handlungen motiviert zu sein, wenn es keine entsprechenden Neigungen gibt.
Wie aber vermag die Vernunft über die moralische Richtigkeit von Handlungen zu entscheiden, wenn sie sowohl von den tatsächlichen Folgen als auch von den Gefühlen und Neigungen absehen soll? Kants Antwort lautet, die Vernunft müsse auf die Form des Prinzips achten, das die Handlung steuert. Jede moralische Handlung geschieht auf der Grundlage einer bewußten Absicht, einer Maxime. In einer gegebenen Handlungssituation bieten sich immer verschiedene Maximen an. ... Unter den möglichen Maximen wählt die Vernunft nun die richtige aus, indem sie dem Grundprinzip folgt: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde" (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1962, S. 42).
Dieses Prinzip nennt Kant den kategorischen Imperativ oder das Sittengesetz. Insofern es ein Tun gebietet, enthält es einen Imperativ; "kategorisch" heißt es, weil das Gebot unabhängig ist von den jeweiligen Wünschen und Bedürfnissen. Und daß eine "Maxime... ein allgemeines Gesetz" werden kann, besagt: Eine Welt, in der jeder sie befolgt, ist eine mögliche und moralisch erstrebenswerte Welt. ...
Wie entscheidet nun die Vernunft, was eine moralisch erstrebenswerte Welt ist? Sie muß von dem moralischen Ideal ausgehen, das mit dem kategorischen Imperativ einhergeht. In einer weiteren Formulierung des kategorischen Imperativs hebt Kant dieses Ideal eigens hervor: "Handle so, daß du die Menschheit... jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst" (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 52).
Das moralische Ideal besteht also im Respekt vor dem Menschen. Um es weiter zu verdeutlichen, spricht Kant von der regulativen Idee des Reichs der Zwecke. Dieser Begriff bezeichnet eine gedachte menschliche Gesellschaft, in der die Freiheit aller Menschen in gleichem Maß berücksichtigt wird. Jeder Bürger im Reich der Zwecke ist Untertan und souveräner Gesetzgeber ineins.
So gelangt Kant zu einer dritten Formulierung des kategorischen Imperativs, nach der man so handeln soll, "daß der Wille durch seine Maxime sich selbst zugleich als allgemein gesetzgebend betrachten könne" (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 57).
Quelle: HÜGLI, Anton / LÜBCKE, Poul (Hrsg.): Philosophielexikon. 2. Auflage. Reinbek: Rowohlt 1997
Vernunft und Gesellschaft
Der Gedanke der Vernunft ist immer auf Handeln in Gesellschaft bezogen, auf sittliches Zusammenleben mit anderen Menschen. Für das Beispiel einer Robinsonade ist er nur anwendbar auf die Natur - aber bedeutungslos, weil Robinson die Folgen eines Handelns wider die Natur am eigenen Leib zu spüren bekäme. Die Folgen eigenen Handelns in Gesellschaft sind durch den hohen Grad der Arbeitsteilung, Entfremdung bedingend, nicht unmittelbar einsichtig. Das von Kant formulierte Sittengesetz ist immer auf das Handeln gegenüber anderen Menschen, in Gesellschaft also, gerichtet. Das Sittengesetz bleibt jedoch solange ein Ideal, wie die Verwirklichung der Voraussetzungen, die seine Anwendung befördern, realisiert ward.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse, an denen die Anwendung des vernünftigen Sittengesetzes vorerst notwendig scheitern muss, hat später ein Philosoph aus Trier analysiert. Sein Postulat der praktischen Anwendung vernünftiger Prinzipien war/ist dem ancien regime ein Dorn im Auge. Angelegt ist diese Praxisforderung in der von Kant nur gedachten menschlichen Gesellschaft, welche die Freiheit aller Menschen in gleichem Maß berücksichtigen solle, was implizit die Absage an alle Formen von Herrschaft bedeutet.
Kant's Werke
Eine kurze, unvollständige Auswahl der Hauptwerke und Schriften von Immanuel Kant:
Kritik der reinen Vernunft (1781)
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)
Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785)
Kritik der praktischen Vernunft (1788)
Kritik der Urteilskraft (1790)
Metaphysik der Sitten (1797)
Der Begriff "Kritik" bezeichnet die Analyse des jeweiligen Gegenstandes. Als Analyse ist Kritik grundsätzlich entwicklungsfördernd und Indiz eines Fortschrittes in der Wissenschaft.
Kritik an Kant
Unter dem Titel "Königsberger Klopse" hat der GegenStandpunkt Verlag dem Königsberger Philosoph zum 200. Todestag im Rahmen der Reihe Kritik bürgerlicher Wissenschaft einige Texte gewidmet. Diese finden sich hier >> (extern)
Lohnenswert ist auch die Auseinandersetzung mit "Fragen, die keine sind", zu finden hier >> (extern)


